Überblick
Eine Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) zum Belastungsempfinden und Unterstützungsbedarf von Fachkräften im Gesundheitswesen während der COVID-19-Pandemie zeigt: Das Gesundheitspersonal war außergewöhnlichen Belastungen ausgesetzt, setzte sich intensiv für die Kontinuität der Versorgung ein und trug zu innovativen Lösungen während der COVID-19-Pandemie bei. Fachkräfte berichteten von hoher Arbeitsbelastung, Angst vor Infektion und anderem durch die Pandemie verursachten Stress. Bereits bestehende Defizite wie der Fachkräftemangel und die hierarchischen Strukturen im Gesundheitssystem traten während der Pandemie deutlich zutage.
Eine gute kollegiale und interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie die Unterstützung durch Arbeitgebende und Politik wurden als hilfreich im Umgang mit den pandemiebedingten Herausforderungen empfunden. Die Notwendigkeit zu improvisieren und pragmatische Lösungen zu finden, bot Möglichkeiten für Partizipation, Innovation und die Entwicklung alternativer Arbeitsprozesse. Das durch die Studie identifizierte Potenzial für Beteiligung, Selbstbestimmung und kooperative Führungs- und Arbeitsstile sollte in Zukunft besser ausgeschöpft werden, um das Gesundheitssystem in Deutschland nachhaltig zu stärken.
Hauptergebnisse der Studie
Fachkräfte im Gesundheitswesen zeigten sich als persönlich gut belastbar und mit Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ausgestattet. Personen mit geringerer Arbeitsbelastung konnten konstruktive, problemorientierte Bewältigungsmechanismen besser umsetzen als Personen mit größerer Arbeitsbelastung. Die Befragten berichteten, dass kollegiale Unterstützung sowohl bei der Entwicklung von praktischen Lösungen als auch bei der Bewältigung von emotional herausfordernden Situationen am Arbeitsplatz half. Die verschiedenen Berufsgruppen und Einrichtungen im Gesundheitswesen arbeiteten während der COVID-19-Pandemie oft konstruktiv und intensiv zusammen.
Während der Pandemie bestand eine große Notwendigkeit zu improvisieren und pragmatische Lösungen zu entwickeln, um die unerwarteten Herausforderungen zu bewältigen. Demzufolge bot die Pandemie Möglichkeiten für Partizipation, Innovation und die Entwicklung alternativer Arbeitsprozesse. Möglichkeiten zum selbstbestimmten Handeln wurden als positiv und hilfreich bei der Bewältigung dilemmatischer Entscheidungssituationen empfunden. Dies betraf beispielsweise die Teilhabe an Entscheidungen, die Gestaltung von Arbeitsabläufen und die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Versorgungsbereichen.
Belastungsempfinden und Gesundheit
- Die Arbeitsbelastung der Fachkräfte im Gesundheitswesen war während der COVID-19-Pandemie außergewöhnlich. Neun von zehn Fachkräften berichteten von einer erhöhten pandemiebedingten Arbeitsbelastung.
- Fachkräfte im Gesundheitswesen empfanden während der Pandemie deutlichen Stress. Insbesondere Frauen berichteten von Stress, wohingegen Personen mit langjähriger Berufserfahrung, mit einem Universitätsabschluss und im Krankenhaus tätige Fachkräfte vergleichsweise weniger erhöhten Stress angaben. Circa ein Drittel der Befragten berichtete von Anzeichen einer Angststörung oder Depression. Sechs von zehn Befragten gaben an, dass sich ihr Gesundheitszustand seit Beginn der Pandemie verschlechtert habe. Schichtarbeit war mit einer Verschlechterung der Gesundheit verbunden.
- Fachkräfte berichteten von Angst, sich selbst und andere mit COVID-19 zu infizieren, von Belastung durch das Tragen von Schutzkleidung und von Schwierigkeiten im Umgang mit Patientinnen und Patienten, Angehörigen und Kolleginnen und Kollegen. Ein unzureichender Informationsfluss zu der sich rasch ändernden pandemischen und regulatorischen Situation sowie mangelnde Anerkennung und Wertschätzung wurden als stressverstärkende Faktoren festgestellt.
- Die Wahrnehmung von Belastungen unterschied sich je nach Arbeitskontext und Berufsgruppe. Beispielsweise beklagten im ambulanten Sektor arbeitende Heilmittelerbringende finanzielle Unsicherheit, fehlende berufsspezifische Informationen und geringe öffentliche Anerkennung der eigenen Berufsgruppe.
- Fachkräfte arbeiteten intensiv daran, eine adäquate medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten. Sie berichteten von moralischen Dilemmata, die als Folge des Spannungsverhältnisses zwischen Berufsethos und strukturellen Zwängen entstanden.
- Während der COVID-19 Pandemie traten bereits bestehende Defizite im Gesundheitssystem deutlich zutage. Der Fachkräftemangel und hierarchische Strukturen wurden von den Studienteilnehmenden als besonders problematisch hervorgehoben.
Empfehlungen
- Ein regelmäßiger Austausch zwischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern und Fachkräften, die in der Patientenversorgung tätig sind, ist wichtig. Partizipation an politischen und organisatorischen Entscheidungsprozessen kann dazu beitragen, dass sowohl im Krisenfall als auch in der normalen Routineversorgung Strategien und Arbeitsprozesse umgesetzt werden, die eine gute Gesundheitsversorgung ermöglichen.
- Die Unterstützung durch Arbeitgebende und Politik ist während Gesundheitssystemkrisen von großer Bedeutung. Folgendes muss gewährleistet werden, um das Gesundheitspersonal zu unterstützen: Die Bereitstellung von Informationen, Ressourcen und technischen Schulungen, Wertschätzung und persönliche Anerkennung der Fachkräfte, adäquate, praktikable Richtlinien sowie Gelegenheiten zu Feedback und Meinungsaustausch.
- Systemische Veränderungen sind nötig, um Partizipation, selbstbestimmtes Handeln und kooperative Führungs- und Arbeitsstile zu fördern. Entscheidungsträger sollten gemeinsam mit dem Gesundheitspersonal angemessene Strategien zur Transformation des Gesundheitssystems entwickeln.
- Die Ergebnisse der Studie bieten eine Grundlage für zielgruppenspezifische Strategien, die das Gesundheitspersonal dabei unterstützen, die medizinische Versorgung im Fall von Gesundheitssystemkrisen sicherzustellen. Zusätzlich zu übergreifender Unterstützung, die alle Mitarbeitenden adressiert, sollten durch den Arbeitgeber und die Politik solche Beschäftigten besonders unterstützt werden, die besonderen Risiken und besonderer Belastung ausgesetzt sind (z.B. Frauen, Personen, die Überstunden machen, in Privatpraxen und Pflegeheimen tätiges Gesundheitspersonal).
- Der Fachkräftemangel im deutschen Gesundheitssystem trägt zur hohen Arbeitslast des Gesundheitspersonals bei. Strategien zur Gewinnung von Fachkräften sind nötig, um negative gesundheitliche Folgen und die Abwanderung von Fachkräften aus dem Sektor während Gesundheitssystemkrisen zu vermeiden.
Hintergrund der Studie
Die vom Zentrum für Internationalen Gesundheitsschutz am Robert Koch-Institut durchgeführte Querschnittstudie untersuchte Belastungen von Fachkräften im deutschen Gesundheitswesen. Darüber hinaus wurde analysiert, welche Faktoren die Fachkräfte in die Lage versetzten, mit Belastungen umzugehen. Die Forschungsmethodik beinhaltete die statistische Auswertung einer quantitativen Befragung von 2.157 Fachkräften im Gesundheitswesen sowie die thematische Analyse von 17 halbstrukturierten Interviews, zehn Fokusgruppendiskussionen mit Fachkräften im Gesundheitswesen und 18 halbstrukturierten Interviews mit Expertinnen und Experten aus Management, Politik und Wissenschaft. Die Datensammlung erfolgte zwischen April und Dezember 2022. Fachkräfte im Gesundheitswesen umfassten Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal, Heilmittelerbringerinnen und -erbringer, medizinisches Hilfspersonal, Fachkräfte in Ausbildung und anderes Personal in Gesundheitseinrichtungen. Alle befragten Fachkräfte arbeiteten während der COVID-19-Pandemie in einer deutschen Gesundheitseinrichtung im ambulanten oder stationären Sektor. Das Projekt war Teil des Global Health Protection Programme (GHPP). Die finanzielle Förderung erfolgte durch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Kontakt Weitere Informationen
Dr. Charbel El Bcheraoui
Leiter der internationalen Studie „Burden of COVID-19 among health care workers“
El-BcheraouiC@rki.de
ghpp.de/projekte/bchw-burden-of-covid-19-among-health-care-workers
Dr. Heide Weishaar
Leitung des deutschen Arms/
Modul 3 der Studie WeishaarH@rki.de
Buchberger B, Weishaar H,
Evans M, Böttcher R, Umlauf R, Muminow S, Montt Maray E,
Muller N, Chemali S, Geurts B,
Fischer H-T, El Bcheraoui C (2024): Listening to the voices of health care workers during the COVID-19 pandemic:
A qualitative study providing in-depth insights into ethical and individual challenges. Qualitative Health Research: https://doi.org/10.1177/10497323241231521.





