1. Vorbemerkung
In den letzten Jahrzehnten wurden europaweit Strategien zur Reduzierung des Tabak- und des damit verbundenen Nikotinkonsums entwickelt. Ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) informiert über Trends bei der Verbreitung des Tabakkonsums für den Zeitraum von 2000 bis 2030. Die erzielten Fortschritte bei der Reduzierung des Tabakkonsums gelten als Schlüsselindikator für die Bemühungen der Staaten, das Rahmenübereinkommen der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs (Framework Convention on Tobacco Control, FCTC) umzusetzen.1
Die folgenden ausgewählten Studien behandeln die Auswirkungen des wissenschaftlichen und politischen Engagements auf den Tabakkonsum.2 Sie zeigen im Wesentlichen, dass das Ziel der Tabakreduktion in den verschiedenen Ländern bisher nur in sehr unterschiedlichem Maße erreicht worden ist, und benennen die Maßnahmen, die für weitergehende Erfolge in Zukunft noch besser umgesetzt werden müssten.
2. Studien zur Wirksamkeit tabakkonsum-reduzierender Maßnahmen
Ruokolainen, O./Ollila, H./Laatikainen, T. u. a. (2024). Tobacco endgame measures and their adaptation in selected European countries: A narrative review synthesis. Tobacco Prevention & Cessation. 2024; 10 (April):18, https://doi.org/10.18332/tpc/186402.
Aufgrund der anhaltenden schädlichen Auswirkungen des Tabakkonsums setzen mehr und mehr Staaten auf das Konzept des „Endgame“, der Beendigung des Tabakkonsums, anstatt lediglich deren Kontrolle. Eine von der Europäischen Union unterstützte Meta-Studie fasst die Erkenntnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zu wirksamen Maßnahmen zur Beendigung des Tabakkonsums zusammen und analysiert deren Integration in die aktuellen nationalen Strategien europäischer Staaten mit „Endgame“-Zielen zur Beendigung des Tabakkonsums. An dieser Studie arbeitete eine Gruppe von Wissenschaftlern aus 12 verschiedenen Instituten.
Die Autoren identifizierten zehn europäische Länder, die ein offizielles Endziel festgelegt haben, das in der Regel eine Raucherprävalenz von nicht mehr als 5 Prozent bis zu einem bestimmten Jahr vorsieht. Die Studie betrachtet insbesondere Maßnahmen in Belgien, Finnland, Frankreich, Irland, den Niederlanden, Norwegen, Slowenien, Schweden sowie England und Schottland.
Auswertungen der früheren wissenschaftlichen Literatur zeigten für produktbezogene Maßnahmen die meisten sowie für angebotsbezogene Maßnahmen einige Nachweise zur Wirksamkeit. Für Maßnahmen, die sich auf die Nutzer und Institutionen konzentrieren, fanden die Autoren nur wenige Nachweise. Maßnahmen zur Erreichung einer tabakfreien Generation zeigten Unsicherheiten bei der Verringerung der Raucherprävalenz, insbesondere bei den Reaktionen von Jugendlichen auf altersbeschränkende Gesetze.
Alle Staaten, die eine Endgame-Strategie für den Tabakkonsum entwickelt hatten, integrierten Produktstandards in ihre Maßnahmen. Diese basierten überwiegend auf den EU-Vorschriften für konventionelle Tabakerzeugnisse, enthielten jedoch auch Standards, die darüber hinausgingen und andere nikotinhaltige Produkte berücksichtigten. Maßnahmen zur Tabakentwöhnung wurden in den Strategien stark betont, doch keines der Länder verknüpfte dies mit klar definierten spezifischen Endgame-Maßnahmen. Die Staaten ergriffen zudem kaum Maßnahmen zur Reduzierung des Tabakkonsums in besonders gefährdeten Gruppen wie Jugendlichen und schwangeren Frauen. Ein Grund für die Nichterreichung der Ziele in einigen Ländern sei, so die Autoren, die unvollständige Umsetzung des Rahmenübereinkommens der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs (FCTC3) und des Maßnahmenpakets MPOWER4 der WHO zur Reduzierung des Tabakkonsums.
Der Rückgang des Tabakkonsums scheine nach Aussage der Autoren „bescheiden“ auszufallen. Da die gesteckten Ziele schwer zu erreichen seien, schlagen die Autoren vor, bereits bewährte Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums, wie Steuererhöhungen, zu unterstützen. Die Autoren empfehlen zudem die Erforschung neuer innovativer Strategien und Maßnahmen zur Erreichung des Endgame-Ziels.
Die Aspekte dieser Meta-Studie finden sich in weiteren Veröffentlichungen, wie beispielsweise in:
Ollila, H./Ruokolainen, O./Laatikainen, T./Koprivnikar, H. u. a. (2024). Tobacco endgame goals and measures in Europe: current status and future directions. Review Paper, https://tobaccocontrol.bmj.com/content/tobaccocontrol/early/2024/06/17/tc-2024–058606.full.pdf.
Der Fokus dieser Studie lag auf der Untersuchung der verabschiedeten und geplanten Endgame-Ziele und Maßnahmen des Joint Action on Tobacco Control 2 (JATC-2) Projekts5 sowie auf der Betrachtung des Einflusses der Tabakindustrie auf den Prozess anhand von Befragungen, die für 24 europäische Staaten durchgeführt wurden.
Offizielle Endgame-Ziele der Regierungen hatten acht Staaten (darunter sieben EU-Mitgliedstaaten), bei weiteren sechs EU-Mitgliedstaaten existierten ähnliche Vorschläge der Regierung, der Zivilgesellschaft oder von Forschungseinrichtungen. Am deutlichsten tendierten einzelhandelsorientierte und verbraucherorientierte Politiken zu Endgame-Zielen. Dazu gehörten die Einschränkung des Tabakverkaufs und verwandter Produkte sowie die Anhebung der Altersgrenze auf über 18 Jahre. Die Produktstandards wurden vor allem zur Regulierung von Aromen eingesetzt. Nach Aussage der Autoren wurden jedoch keine Maßnahmen zur wesentlichen Verringerung des Suchtpotenzials ergriffen.
Die Auswertungen ergaben, dass marktorientierte Maßnahmen, die etwa auch Gewinne der Industrie abschöpften, meist nicht vorhanden waren. Zudem fehlten den Staaten konkrete Instrumente, um die Einflussnahme der Industrie zu verhindern.
Aspekte, die die Erreichung des Endgame-Ziels behinderten, waren nach einer Analyse der Befragungen im Wesentlichen die hohe Rauchprävalenz in bestimmten Bevölkerungsgruppen, nicht brennbare und neue Nikotinprodukte, grenzüberschreitende Vermarktung, fehlender politischer Wille sowie Probleme mit bestehenden Vorschriften und die Einflussnahme der Industrie.
Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass ein Wissensaustausch die Verbreitung des Endgame-Ansatzes für Tabakwaren erleichtern würde. Sie meinen, dass eine stärkere Konzentration auf Maßnahmen erforderlich sei, die voraussichtlich einen stärkeren Einfluss auf die Produktverfügbarkeit hätten, auf die Attraktivität der Produkte sowie auf deren Suchtpotenzial (Nikotingehalt). Die Auswertungen zeigen auch, dass konkrete Instrumente zur Verhinderung und Bekämpfung der Beeinflussung durch die Tabakindustrie selbst notwendig wären.
Linnansaari, A./Ollila, H./Pisinger, C. u. a. (2023): Towards Tobacco-Free Generation: implementation of preventive tobacco policies in the Nordic countries. Scand J Public Health. 2023 Dec;51(8):1108–1121. Epub 2022 Jul 7. PMID: 35799463; PMCID: PMC10642214, https://doi.org/10.1177/140349482
21106867.
Im Rahmen dieser Studie vergleichen die Autoren die Umsetzung präventiver Tabakpolitik der nordischen Länder (Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark sowie Island), erörtern mögliche Bestimmungsfaktoren für Ähnlichkeiten und Unterschiede bei der Umsetzung der Präventionsstrategien und stellen Strategien zur Stärkung der Tabakprävention vor.
Die Autoren sind der Ansicht, dass das WHO-Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs (FCTC) und die EU-Verordnungen dafür gesorgt hätten, dass die grundlegenden Maßnahmen weitgehend umgesetzt wurden, aber auch zu gemeinsamen Mängeln beigetragen hätten, die insbesondere bei den Vorschriften für rauchlosen Tabak und neuartige Produkte zu beobachten seien. Starke nationale Akteure im Bereich der Tabakkontrolle hätten es den Ländern ermöglicht, einige fortschrittliche Maßnahmen umzusetzen. Als erste Staaten der Welt habe Island das Verbot der Auslage an Verkaufsstellen, Schweden das Rauchverbot im Freien, Finnland das Verbot von Aromen für elektronische Zigaretten sowie Norwegen Einheitsverpackungen für konventionelle Zigaretten und Dänemark Einheitsverpackungen für elektronische Zigaretten eingeführt.
Die Autoren ziehen den Schluss, dass für eine Stärkung der Tabakpolitik in den nordischen Ländern eine engere Zusammenarbeit und Beteiligung an der Umsetzung der europäischen Vorschriften, Ressourcen für die nationale Vernetzung der Akteure der Tabakbekämpfung sowie nationale Vorschriften zum Schutz vor der Einflussnahme der Tabakindustrie erforderlich seien.
Van Deelen, TRD/Kunst, AE/van den Putte, B. u. a. (2023). Ex ante evaluation of the impact of tobacco control policy measures aimed at the point of sale in the Netherlands. Tobacco Control. 2023 Sep; 32(5): 620–626. Epub 2022 May 5. PMID: 35512850; PMCID: PMC10447367,
https://doi.org/10.1136/tobaccocontrol-2021–057205.
Bei der Studie handelt es sich um eine Ex-ante-Evaluierung in den Niederlanden über die potenziellen Auswirkungen des derzeitigen Verbots von Tabakauslagen und -werbung sowie künftiger Tabakverkaufsverbote auf die Sichtbarkeit und Verfügbarkeit von Tabakverkaufsstellen.
Die Wissenschaftler besuchten alle potenziellen Tabakeinzelhändler in vier niederländischen Städten (Amsterdam, Eindhoven, Haarlem und Zwolle) und kartierten diese mithilfe des Global Positioning Systems (GPS). Für jeden Einzelhändler, der Tabak verkauft, erstellten die Wissenschaftler eine Bewertung der Sichtbarkeit von Tabakerzeugnissen und deren Werbung. Für jede politische Maßnahme berechneten sie die zu erwartende Verringerung der Sichtbarkeit und Verfügbarkeit in Prozentpunkten sowie die Dichte und Entfernung der Verkaufsstellen.
Auf der Grundlage ihrer Berechnungen kommen die Autoren zu dem Schluss, dass ein Auslage- und Verkaufsverbot in kleinen Verkaufsstellen den größten Beitrag zur Verringerung der Sichtbarkeit und Verfügbarkeit von Tabakverkaufsstellen leisten würde, sofern es nicht zu einer Marktverschiebung hin zu anderen Tabakverkaufsstellen kommen würde.
Joossens, L./Olefir, L./Feliu. A./Fernandez E. (2022). The Tobacco Control Scale 2021 in Europe. Brussels: Smoke Free Partnership, Catalan Institute of Oncology, https://www.tobaccocontrolscale.org/wp-content/uploads/2022/12/ TCS-Report-2021-Interactive-V4.pdf.
Der Bericht stellt die Ergebnisse einer Auswertung der Aktivitäten zur Eindämmung des Tabakkonsums in 37 europäischen Ländern im Jahr 2021 unter Verwendung der Tobacco Control Scale (TCS) dar. Die Tobacco Control Scale ist ein Ranking, das die Umsetzung gesetzlicher Tabakkontrolle auf Staatenebene bewertet.6 Die in den einzelnen Staaten implementierten Maßnahmen wurden mit einem Punktesystem bewertet. Für den Berichtszeitraum gab es zwei Besonderheiten: zum einen die Covid-19-Pandemie, in der nicht alle Staaten ihre Zahlen gemeldet hätten, und zum anderen die Einflussnahme der Tabakindustrie, die nach Aussage der Autoren nach wie vor das größte Hindernis für die Einführung wirksamer Bekämpfungsmaßnahmen darstelle.
Deutschland liegt im Ranking auf Platz 34 von 37 und hat sich im Vergleich zu 2019 um zwei Plätze verbessert.
Auf der Grundlage ihrer Analysen identifizierten die Autoren des Berichts folgende Empfehlungen:
- Eine umfassende Politik zur Eindämmung des Tabakkonsums sei eine Verpflichtung gemäß Artikel 4 des WHO-Rahmenübereinkommens über die Eindämmung des Tabakkonsums (WHO FCTC)7
- Jährliches Budget für die Bekämpfung des Tabakkonsums von mindestens 2 Euro pro Kopf
- Bekämpfung der Einflussnahme der Tabakindustrie auf die öffentliche Gesundheitspolitik gemäß Artikel 5 Absatz 3 WHO FCTC
- Umsetzung der Leitlinien gemäß Artikel 6 WHO FCTC zur Tabakbesteuerung. Damit wären eine Anhebung der Mindeststeuern und geringere Steuerunterschiede zwischen Zigaretten, selbstgedrehtem Tabak und heated tobacco8 verbunden.
- Einführung von Rechtsvorschriften für rauchfreie Zonen (Innen- und Außenbereiche) gemäß Artikel 8 WHO FCTC einschließlich eines Rauchverbots in Privatfahrzeugen, wenn Minderjährige anwesend sind
- Einführung standardisierter sowie Einheitsverpackungen für alle Tabakerzeugnisse
- Verbot der Auslage von Tabakerzeugnissen an Verkaufsstellen gemäß Artikel 13 WHO FCTC
- Beschleunigung der Umsetzung von Maßnahmen zur Unterstützung der Tabakentwöhnung gemäß Artikel 14 WHO FCTC
- Ratifizierung des FCTC-Protokolls der WHO zur Unterbindung des illegalen Handels mit Tabakerzeugnissen und Einführung der Verfolgungs- und Rückverfolgungsleitlinien
- Forschungsaktivitäten zum Monitoring und zur Messung der Wirkung von Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums gemäß Artikel 20 WHO FCTC.
Willemsen, MC./Been, JV. (2022). Accelerating tobacco control at the national level with the Smoke-free Generation movement in the Netherlands. NPJ Prim Care Respir Med. 2022 Dec 23; 32(1): 58. PMID: 36564383; PMCID: PMC9780621,
https://doi.org/10.1038%2Fs41533–022–00321–8.
Die Niederlande haben sich im Ranking des Tobacco Control Systems von Platz 14 auf Platz 4 verbessert. Zwischen 2019 und 2020 sank die Raucherquote von 21,7 Prozent auf 20,2 Prozent. Dazu beigetragen haben Maßnahmen wie eine höhere Tabakbesteuerung, Einheitsverpackungen für Tabakerzeugnisse, ein teilweises Verbot der Auslage von Tabakerzeugnissen an Verkaufsstellen, ein Rauchverbot auf dem Schulgelände sowie weitere Rauchbeschränkungen.
Die Autoren untersuchten die Faktoren, die zu diesen Erfolgen beitrugen, und konzentrierten sich auf Organisationen, die sich für die Eindämmung des Tabakkonsums einsetzen, sowie auf das Agenda-Setting, also den Prozess, durch den die Thematik auf die politische Tagesordnung gesetzt und handlungsrelevant wurde.
Als entscheidende Faktoren identifizierten die Wissenschaftler zum einen die strikte Einhaltung von Artikel 5.3 WHO FCTC, der es der Regierung untersagt, die Tabakindustrie zu konsultieren, und zum anderen die von niederländischen Wohlfahrtsverbänden (Lung Foundation Netherlands, Dutch Heart Foundation, Dutch Cancer Society) in der breiten Gesellschaft initiierte Bewegung „Rauchfreie Generation“. Durch die Akzeptanz des Konzepts der „Rauchfreien Generation“ konnte die niederländische Regierung die Tabakkontrollpolitik durch eine nationale Präventionsvereinbarung stärken, die das Ziel verfolgt, dass im Jahr 2040 weniger als 5 Prozent der bisherigen Raucher weiterhin rauchen.
Die Autoren geben zu bedenken, dass ein kontinuierliches Augenmerk auf diese Thematik erforderlich sei, und weisen auf den jüngsten Regierungswechsel hin, der sowohl eine Behinderung der weiteren Reduzierung des Anteils der Raucher als auch einen vorübergehenden Rückgang der Aufmerksamkeit der Regierung für die Tabakbekämpfung zur Folge gehabt habe.
Willemsen, MC./Mons U./Fernández E. (2022). Tobacco control in Europe: progress and key challenges. Tobacco Control 2022; 31: 160–163, https://doi.org/10.1136/tobaccocontrol-2021–056857.
In ihrer Studie erörterten die Autoren die Fortschritte bei der Verringerung der durch den Tabakkonsum verursachten Krankheitslast in der Europäischen Region der WHO und skizzierten die wichtigsten Probleme und Herausforderungen bei der fortlaufenden Umsetzung der Tabakkontrollpolitik. Die Autoren stellten fest, dass die Umsetzung der WHO-Leitlinien in Europa unterschiedlich weit fortgeschritten sei. In vielen europäischen Ländern müssten die Kernmaßnahmen des WHO FCTC noch vollständig umgesetzt werden, während einige Länder bereits fortschrittlichere Maßnahmen ergriffen hätten, wie zum Beispiel das Einführen von Einheitsverpackungen, das Verbot von Aromen in Tabakerzeugnissen, die Zulassung von Tabakeinzelhändlern und die Ausweitung des Rauchverbots auf Autos, Außenbereiche und öffentliche Straßen. Die größten Herausforderungen seien der Schutz der Politikgestaltung zur Eindämmung des Tabakkonsums vor der Einflussnahme der Tabakindustrie sowie die unzureichende Bereitstellung von Haushaltsmitteln für Forschung und Monitoring des Konsums von Tabak- und Nikotinerzeugnissen.
Flor, L. S./Reitsma, M. B./Gupta, V. u. a. (2021). The effects of tobacco control policies on global smoking prevalence. In: Nature Medicine, Volume 27, 239–243, https://doi.org/10.1038/s41591–020– 01210–8.
In dieser Studie haben Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen der unterschiedlichen Intensität von Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums und der alters- und geschlechtsspezifischen Raucherprävalenz anhand von Daten aus 175 Staaten untersucht. Sie verdeutlichten die verpassten Möglichkeiten zur Senkung der Raucherquoten, indem sie die globale Raucherprävalenz unter alternativen, nicht realisierten Politikszenarien betrachteten.
Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums, wie Rauchverbote, Gesundheitswarnungen, Werbeverbote sowie Tabaksteuern die Raucherprävalenz wirksam reduzierten. Nach Aussage der Wissenschaftler würden die positiven Auswirkungen noch verstärkt, wenn diese Maßnahmen parallel umgesetzt würden. Die Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass es im Jahr 2017 weltweit etwa 100 Millionen weniger Raucher gegeben hätte, wenn alle 155 Staaten, die in der kontrafaktischen Analyse („Was-wäre-wenn“) berücksichtigt wurden, Rauchverbote, Gesundheitswarnungen und Werbeverbote auf strengstem Niveau eingeführt sowie die Zigarettenpreise auf mindestens 7,73 Dollar erhöht hätten.
Diese Ergebnisse unterstreichen nach Meinung der Wissenschaftler die dringende Notwendigkeit, eine Reihe strenger Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums umzusetzen, um die durch das Rauchen verursachte Belastung durch Krankheiten und Todesfälle zu verringern.
Peruga, A./López, M. J./Martinez, C./Fernández, E. (2021). Tobacco control policies in the 21st century: achievements and open challenges. In: Molecular Oncology, Volume 15, Issue 3, 744– 752, https://doi.org/10.1002/1878– 0261.12918.
Im Rückblick auf 20 Jahre Tabakkontrollpolitik kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass in diesem Zeitraum erhebliche, wenn auch unzureichende Fortschritte bei der Eindämmung des Tabakkonsums erzielt worden seien. Die noch offenen Maßnahmen müssten nun zeitnah umgesetzt werden. Dazu identifizierten die Autoren die Erhöhung des realen Preises aller Tabakerzeugnisse durch Tabaksteuern, das Verbot der Verwendung von Zusatzstoffen in Tabakerzeugnissen, die Einführung von Einheitsverpackungen für alle Tabakerzeugnisse sowie das Verbot von Aktivitäten der Tabakindustrie in Bereichen mit sozialer Verantwortung. Bei der Umsetzung dieser Maßnahmen sollten nach Meinung der Autoren die Regierungen und Gesundheitspolitiker darauf vorbereitet sein, den „Unterwanderungstaktiken“ der Tabakindustrie entgegenzuwirken.
Bryan, C./Hansen, B./McNichols, D./Sabia, J. (2020): Do state tobacco 21 laws work? Working Paper 28173, https://ssrn.com/abstract=3743906.
Das in den USA erlassene „Tabak-21-Gesetz“ (T-21) verbietet den Verkauf von Tabakprodukten an Personen unter 21 Jahren. Im Rahmen einer Studie untersuchten die Wissenschaftler die Auswirkungen der landesweiten T-21-Gesetze auf den Tabakkonsum von Minderjährigen und jungen Erwachsenen. Die Wissenschaftler verwendeten Daten aus der Erhebung zur Überwachung von Verhaltensrisiken (Behavioral Risk Factor Surveillance Survey, BRFSS) für die Jahre 2009 bis 2019 und bedienten sich eines Differenz-in-Differenzen-Ansatzes9. Sie stellten fest, dass der Erlass des landesweiten T-21-Gesetzes mit einem Rückgang der Raucherprävalenz bei den 18- bis 20-Jährigen um 2,5 bis 3,9 Prozentpunkte verbunden war. Die Auswertungen der Daten aus staatlichen Erhebungen zum Risikoverhalten von Jugendlichen (Youth Risky Behavior Surveys, YRBS) aus den Jahren 2009 bis 2019 ergaben, dass die landesweiten T-21-Gesetze den Konsum von (Tabak-)Zigaretten und elektronischen Zigaretten (E-Zigaretten) bei High-School-Schülern im Alter von 15 bis 18 Jahren reduziert hätten. Allerdings seien diese positiven Auswirkungen der T-21-Gesetze auf den E-Zigarettenkonsum der unter 18-Jährigen teilweise durch eine Zunahme des Ausleihens von E-Zigaretten abgeschwächt worden. Die Wissenschaftler stellten zudem fest, dass die T-21-Gesetze „Spillover“-Effekte hätten: Die Analysen ergaben eine Verringerung des Tabakzigarettenkonsums der unter 16– bis 17-Jährigen, einer Gruppe, die beim Zugang zu Tabak stark auf den „sozialen Markt“ – einschließlich 18-jähriger Gleichaltriger – angewiesen sei, sowie eine Verringerung sowohl des Marihuana-Konsums und der Häufigkeit des Alkoholkonsums bei älteren Teenagern.
1 WHO (2024). WHO global report on trends in prevalence of tobacco use 2000–2030, 16.01.2024, https://www.who.int/publications/i/item/9789240088283.
2 Vgl. dazu: Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Strategien zur Reduktion oder Verhinderung von Tabak- und Nikotinkonsum in ausgewählten Ländern, Sachstand vom 15. August 2024, WD 8 – 059/24.
3 Rahmenübereinkommen der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs, Amtliche deutsche Übersetzung vom 2. April 2004, abrufbar unter https://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/fctc/FCTC_deutsche_Uebersetzung.pdf., vgl. dazu die Informationen der WHO unter https://fctc.who.int/.
4 Die WHO überprüft seit 2008, ob und wie die Vertragsländer erfolgreiche Tabakkontrollpolitik leisten, und entwickelte hierzu das Konzept MPOWER, vgl. die Informationen der WHO unter https://www.who.int/initiatives/mpower.
5 Informationen zu „Joint Action on Tobacco Control 2“ abrufbar unter https://jaotc.eu/#.
6 Vgl. Joossens, L./Raw, M. (2006). The Tobacco Control Scale: a new scale to measure country activity, Tobacco Control. 2006; 15(3): 247–253, https://tobaccocontrol.bmj.com/content/15/3/247.
7 Vgl.: WHO (2005). „WHO Framework Convention On Tobacco Control“, https://iris.who.int/bitstream/handle/10665/42811/9241591013.pdf?sequence=1.
8 Tabakprodukt, das den Tabak auf eine niedrigere Temperatur erhitzt als herkömmliche Zigaretten. Siehe auch https://www.cdc.gov/tobacco/other-tobacco-products/heated-tobacco-products.html.
9 Die Difference-in-Differences Methode stellt einen methodischen Ansatz dar, mit dessen Hilfe der kausale Effekt einer Maßnahme evaluiert werden kann. https://novustat.com/statistik-glossar/difference-in-differencesmehode.html .
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