21 Gender Gap

Wie Unternehmen den Gender Health Gap eindämmen können

Im Interview erklärt Dr. Anne-Kathrin Collisi, Leitende Ärztin ias PREVENT Berlin und Fachärztin für Innere Medizin, warum der Arbeitsplatz der ideale Ort ist, um strategisch gegen den Gender Health Gap vorzugehen und wie Unternehmen mit geschlechtsspezifischen Präventionsangeboten nicht nur etwas Gutes für ihre Mitarbeitenden tun, sondern auch wirtschaftlich profitieren.

Ergomed: Was ist der Gender Health Gap – und warum ist das auch ein Thema für den Arbeitsplatz?

Dr. Anne-Kathrin Collisi: Der Gender Health Gap bezeichnet die systematische Benachteiligung von Frauen in der medizinischen Forschung, Diagnostik und Versorgung, da ihre biologischen Unterschiede im Vergleich zu Männern häufig unzureichend berücksichtigt werden. Viele medizinische Leitlinien und Präventionsangebote orientieren sich am männlichen Körper, obwohl Frauen oft andere gesundheitliche Bedürfnisse und Risiken haben. Sie reagieren beispielsweise empfindlicher auf Zellgifte wie Alkohol und Nikotin, Bluthochdruck oder Stress. Abhilfe können hier Konzepte für eine ganzheitliche, personalisierte Prävention schaffen, die geschlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigen. Nicht nur im privaten, sondern gerade auch im Arbeitsumfeld. Denn über den Lauf einer Erwerbsbiografie können Mitarbeitende fortlaufend begleitet und mit gesundheitsfördernden Impulsen gezielt unterstützt werden. Arbeitsmedizin und betriebliche Gesundheitsförderung sind wesentliche Hebel, um geschlechtergerechte Angebote umzusetzen.

In welchen Bereichen sind Frauen besonders gefährdet?

Ein zentrales Beispiel sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mit 33,9 Prozent zählen diese Erkrankungen zu den führenden Todesursachen in Deutschland. Trotzdem werden sie bei Frauen oft zu spät erkannt. So haben an Diabetes erkrankte Frauen beispielsweise ein deutlich erhöhtes Risiko, Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln im Vergleich zu Männern. Dies gilt insbesondere dann, wenn – was häufig der Fall ist – weitere Risikofaktoren vorliegen. Frauenherzen reagieren sensibler auf Stress und Blutdruckschwankungen. Stoffwechselveränderungen wie die Blutzuckerregulation, das Entstehen einer Insulinresistenz, sind als Vorbote für die Entstehung von Diabetes spezifischer zu betrachten. Symptome äußern sich oft subtiler oder anders, werden nicht ernst genommen. Diagnosen werden später festgestellt, und Krankheiten werden übersehen. Ein weiteres Beispiel sind Autoimmunerkrankungen, die bei Frauen wesentlich häufiger auftreten. Auch hormonelle Umstellungen, wie die Menopause haben Einflüsse auf viele gesundheitliche Aspekte und Erkrankungen, die besonders in der Lebensmitte entstehen. Gezielte Präventionsmaßnahmen können dazu beitragen, dass sich manche Krankheiten gar nicht erst entwickeln.

Warum eignet sich der Arbeitsplatz Ihrer Meinung nach besonders gut als Ort für geschlechtsspezifische Prävention, und welche konkreten Maßnahmen halten Sie dabei für besonders effektiv?

Der Arbeitsplatz bietet strukturelle Vorteile für die Prävention wie regelmäßige Erreichbarkeit, vorhandene Gesundheitsdaten und idealerweise ein vertrauensvolles Verhältnis zu Arbeitsmedizinerinnen und -medizinern. Unternehmen können gezielte Gesundheits-Check-ups anbieten, in denen neben den bekannten relevanten Risikofaktoren auch frauenspezifische und nichttraditionelle Risikofaktoren wie Stressbelastung, Care-Arbeit etc. erfasst werden. So können wichtige Hinweise für gezielte Präventionsmaßnahmen gewonnen werden, um beispielsweise die Entstehung von Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen frühzeitig zu verhindern, von denen wir wissen, dass mehr als die Hälfte durch eine wirksame Prävention verhindert werden kann. Im Hinblick auf den Anstieg der psychischen Erkrankungen ist es essentiell, Maßnahmen zur Förderung der mentalen Gesundheit zu etablieren.

Warum lohnt sich personalisierte geschlechtergerechte Prävention für jedes Unternehmen?

Personalisierte Präventionsangebote ermöglichen die Vermeidung und Früherkennung von wesentlichen Erkrankungen und Langzeiterkrankungen. Das zahlt sich für Unternehmen durch weniger Fehltage und eine gesteigerte Leistungsfähigkeit der Belegschaft wirtschaftlich aus. Dafür ist es jedoch essenziell, Mitarbeitende individuell zu betreuen und ihrer Einzigartigkeit Rechnung zu tragen. Dazu zählt auch, Unterschiede in Bezug auf das Geschlecht zu berücksichtigen. Unternehmen, die diese Chancen nutzen, tragen nicht nur dazu bei, den Gender Health Gap zu schließen und gesundheitliche Chancengleichheit zu fördern, sondern verbessern auch ihr Employer Branding und steigern letztlich ihre Arbeitgeberattraktivität.


Gaia Gamaggio

Aktuelle Ausgabe

Partnermagazine

Akademie

Partner