27_Arbeitssicherheit

Subtile Beeinflussung

Nudging, ein Konzept aus der Verhaltensökonomie, zielt darauf ab, Entscheidungsarchitekturen so zu gestalten, dass sie die Menschen dazu bringen, gesünder und sicherer zu handeln, ohne dabei ihre Entscheidungsfreiheit einzuschränken. In diesem Artikel wird betrachtet, wie Nudging in der Arbeitssicherheit und im betrieblichen Gesundheitsmanagement eingesetzt werden kann und welche Vorteile und Herausforderungen damit verbunden sind.

Nudging beschreibt die subtile Beeinflussung von Entscheidungen und Verhaltensweisen durch kleine Veränderungen in der Umgebung oder in der Art und Weise, wie Informationen präsentiert werden. Der Begriff wurde popularisiert durch Richard Thaler und Cass Sunstein in ihrem Buch „Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth and Happiness“ (2008). Nudges basieren auf der Erkenntnis, dass Menschen häufig nicht absolut rational handeln und von kognitiven Verzerrungen, Gewohnheiten und sozialen Normen beeinflusst werden.

Ein klassisches Beispiel für Nudging ist die Platzierung von gesunden Lebensmitteln auf Augenhöhe in Supermärkten oder die Anordnung von Obst in der unmittelbaren Nähe von Süßspeisen in Kantinen. Diese kleinen „Nudges“ („Anstubser“) können die Entscheidungen der Menschen in eine bestimmte Richtung lenken, ohne dass sie gezwungen oder manipuliert werden.

Angesichts der ständigen Veränderungen in der Arbeitswelt sind traditionelle Ansätze im Gesundheitsmanagement nicht mehr ausreichend. Viele Sicherheitsmaßnahmen werden als lästig oder überflüssig wahrgenommen, was zu Widerstand und Vernachlässigung führen kann. Hier kommt Nudging ins Spiel: Durch das gezielte Gestalten von Entscheidungsumgebungen ist es möglich, Mitarbeiter sanft in Richtung sicherer und gesünderer Verhaltensweisen zu lenken.

Anwendungsbeispiel PSA

Ein grundlegender Aspekt des Nudging ist es, die Entscheidungsarchitektur zu verändern, um die gewünschte Option (etwa das Tragen von PSA) einfacher und attraktiver zu machen – indem man zum Beispiel den Zugriff erleichtert und die Hemmschwelle des Tragens herabsetzt:

  • Strategische Anordnung: Schutzausrüstungen sollten direkt an den Arbeitsplätzen oder in unmittelbarem Zugang zu Bereichen, in denen sie genutzt werden müssen, platziert werden. Zum Beispiel könnten Helme, Handschuhe und Schutzbrillen in Aufbewahrungseinheiten aufbewahrt werden, die bei der Ankunft am Arbeitsplatz gut sichtbar sind.
  • Visuelle Hinweise: Die Nutzung von bunten oder klar beschrifteten Behältnissen für die PSA kann die Aufmerksamkeit erhöhen. Ein ansprechendes Design könnte durch das Farbschema des Unternehmens ergänzt werden, um Zugehörigkeit und Identifikation zu vermitteln.
  • Personalisierung: Die PSA könnte personalisiert oder an den individuellen Komfort angepasst werden. So könnten etwa Helme und Handschuhe in individuellen Farben oder Mustern, die die Identität des Unternehmens widerspiegeln, gestaltet oder Arbeitskleidung entsprechend den Körpermaßen angefertigt werden.
  • Flexible Modelle: Anstelle von schweren und unhandlichen Ausrüstungen sollte geprüft werden, ob leichtere oder ergonomisch gestaltete Modelle zur Verfügung stehen, die den Tragekomfort erhöhen.
  • Auffällige Schilder: An den Eingängen der Bereiche, in denen PSA erforderlich ist, könnten bunte, einladende Schilder angebracht werden, die an die Wichtigkeit des Tragens der vorgesehenen Ausrüstung erinnern.
  • Aufkleber: An häufig genutzten Geräten oder in der Nähe von Arbeitsplätzen können kleine Aufkleber mit Erinnerungen platziert werden.
  • Gamification: Die Einführung von Punktesystemen, bei denen Mitarbeitende Punkte für das Tragen von PSA sammeln, kann deren Motivation erhöhen. Diese Punkte können dann gegen verschiedene kleine Anreize wie Gutscheine, zusätzliche Pausenzeiten oder Merchandise eingelöst werden.
  • Anerkennungssysteme: Unternehmen können durch die Förderung von sicherheitsbewusstem Verhalten Anreize schaffen, indem sie Prämien oder Belohnungen für Beschäftigte anbieten, die konsequent persönliche Schutzausrüstung (PSA) tragen. Diese Maßnahmen tragen nicht nur zur individuellen Sicherheit, sondern auch zur Sicherheit der Kolleginnen und Kollegen bei.

Regelmäßige Sicherheitsanalysen dienen der kontinuierlichen Überprüfung, hinsichtlich der Nutzung von persönlicher Schutzausrüstung (PSA). Diese Analysen bieten nicht nur die Gelegenheit, Anpassungen bei den Nudging-Maßnahmen vorzunehmen, um die Effektivität der Sicherheitsvorkehrungen zu steigern, sondern schaffen auch die Grundlage für wertvolle Feedback-Möglichkeiten. Die regelmäßige Berichterstattung, etwa durch monatliche oder vierteljährliche Berichte zur Einhaltung der PSA-Richtlinien, ergänzt diesen Prozess. Diese enge Verzahnung zwischen Sicherheitsanalysen und Feedbackmaßnahmen fördert eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung der Sicherheit am Arbeitsplatz.

Anwendungsbeispiel Büro

Die Herausforderungen bei Bürotätigkeiten stellen andere Anforderungen
an das Nudging. Hier werden einige Beispiele dargestellt:

  • Strategische Beschilderung: Strategisch platzierte Schilder in Bereichen mit spezifischen Sicherheitsanforderungen oder zur Erinnerung an Pausen können dazu beitragen, dass Mitarbeitende notwendige Maßnahmen konsequent umsetzen. Beispielsweise könnte ein Schild an der Kaffeemaschine an die Wichtigkeit des Wassertrinkens erinnern oder Sicherheitshinweise in bestimmten Arbeitsbereichen sichtbar gemacht werden.
  • Bewegungsfördernde Elemente: Der Einsatz von Stehpulten oder Sitzmöglichkeiten in Besprechungsräumen und Gemeinschaftsbereichen regt Beschäftigte dazu an, öfter zu stehen und sich zu bewegen. Dies kann auch das Bewusstsein für körperliche Aktivität im Büro stärken.
  • Förderung der Nutzung von Treppen: Durch eine attraktive Gestaltung des Treppenhauses mit ansprechenden Farben oder Kunstwerken sowie dem Verzicht auf Aufzugzugänge für kurze Strecken können Mitarbeitende ermutigt werden, die Treppe zu nutzen.
  • Einladende Gemeinschaftsplätze: Die Gestaltung der Gemeinschaftsbereiche, etwa durch gemütliche Möbel und Pflanzen, kann dazu beitragen, dass Pausen und Interaktion entstehen. Dies fördert die mentale Gesundheit und trägt zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts bei.
  • Gesunde Snackangebote: Die Bereitstellung von gesunden Snacks in Gemeinschaftsbereichen anstelle von ungesunden Optionen kann die Mitarbeitenden dazu anregen, gesündere Entscheidungen zu treffen. Kombiniert mit einer einladenden Atmosphäre kann dies auch die Pflege von sozialen Beziehungen fördern.

Um die Sicherheit am Arbeitsplatz zu erhöhen, kann Nudging in der Strukturierung und Durchführung von Schulungen genutzt werden. Hierzu hat die Erfahrung gezeigt, dass der Einsatz unterschiedlicher Lernmethoden dazu beitragen kann, Informationen einprägsamer zu gestalten. Interaktive Module, Gamification-Ansätze oder virtuelles Lernen führen dazu, dass die Schulungen besser wahrgenommen und nachhaltiger in das Verhalten der Mitarbeitenden integriert werden.

Herausforderungen und Grenzen

Obwohl Nudging viele Vorteile bietet, sind auch einige Herausforderungen zu beachten. Es kann zu einer Überforderung kommen, wenn Mitarbeitende durch zu viele Nudges oder durch unklare Informationen irritiert werden. Auch die Individualität der Mitarbeitenden muss respektiert werden; dessen ungeachtet sollte nicht vergessen werden, dass nicht alle Nudges für alle Beschäftigten geeignet sind.

Zudem stellen ethische Überlegungen eine relevante Thematik dar. Verantwortungsvolles Nudging, das die individuelle Entscheidungsfreiheit respektiert und Transparenz schafft, sollte immer im Vordergrund stehen. Es bedarf daher einer sorgfältigen Planung und einer feinfühligen Implementierung der Nudging-Strategien im Unternehmen.

Erfolgsgeschichte aus der Praxis

Ein bekanntes Lebensmittelunternehmen hat erfolgreich Nudging-Strategien in der Arbeitssicherheit und im BGM umgesetzt, um die Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten zu fördern. Die ergonomische Gestaltung der Arbeitsplätze wurde durch Schulungen unterstützt, die den Mitarbeitenden halfen, ihre Umgebung gesundheitsschonend zu gestalten. Sichtbare Hilfsmittel und klare Anweisungen erhöhten das Bewusstsein für die Bedeutung ergonomischer Praktiken. Des Weiteren wurden gesunde Snacks in den Kantinen an prominenten Stellen platziert, während ungesunde Optionen weniger sichtbar gemacht wurden. So wurde die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Beschäftigte gesunde Entscheidungen treffen.

Regelmäßige Sicherheitswettbewerbe sorgten für einen freundlichen Wettbewerb zwischen den Teams, wodurch das Engagement für Sicherheitspraktiken gesteigert wurde. Zudem wurden visuelle Sicherheitsinformationen durch auffällige Schilder an unterschiedlichen Standorten eingesetzt, um an die Sicherheitsvorkehrungen zu erinnern.

Als Ergebnis dieser Maßnahmen konnte das Unternehmen die Anzahl der Arbeitsunfälle signifikant reduzieren und das Gesundheitsbewusstsein der Mitarbeitenden verbessern. Darüber hinaus fühlten sich die Beschäftigten durch das Engagement des Unternehmens in Bezug auf ihre Sicherheit und Gesundheit wertgeschätzt, was zu einer höheren Zufriedenheit und Identifikation mit dem Arbeitgeber führte.

Fazit

Nudging bietet vielseitige Möglichkeiten zur Verbesserung der Arbeitssicherheit und des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Durch die subtile Beeinflussung von Verhaltensweisen können Unternehmen eine positive Veränderung in der Sicherheitskultur und der Gesundheitsförderung schaffen. Unternehmen, die bereit sind, Nudging kreativ und verantwortungsvoll einzusetzen, können nicht nur die Sicherheit ihrer Mitarbeiter erhöhen, sondern auch eine gesunde und produktive Arbeitsumgebung schaffen.


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