Arbeitsschutz

Schulter-, Nacken- und Armschmerzen – Lindert der Einsatz von Gel-Mauspads die Beschwerden?

Volkmar Benner1, Dennis Werner2, Michael Wiegand31 Facharzt für Arbeitsmedizin, Arbeitsmedizinische Dienste TÜV Rheinland, Frankfurter Str. 200, 51065 Köln, [email protected]

2 Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Grantham-Allee 20, 53757 Sankt Augustin, [email protected]

3 Gesundheitsmanagement Kreissparkasse Köln, Neumarkt 18–24, 50667 Kölneingereicht am 20.12.2016, Review: 11.01.2017, angenommen am: 20.01.2017

Einführung

Die tägliche Arbeit am Bildschirm kann durch einseitige Belastungen und entsprechende Zwangshaltung zu Beschwerden des Muskel-Skelett-Systems führen. Beschwerden im Schulter- und Nackenbereich, an der Wirbelsäule oder den Unterarmen und Handgelenken sind mögliche Begleiterscheinungen. Nach einer Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) gaben ca. 80 % der Bildschirmarbeitskräfte an, dass während und nach der Arbeit häufig körperliche Beschwerden auftreten.1

Schmerzzustände von Beschäftigten werden häufig unter dem Begriff RSI „Repetitive Strain Injury“ zusammengefasst. RSI beschreibt Beschädigungen, durch sich wiederholende Belastungen, Anspannungen und Dehnung, welche meist zu Mikroverletzungen im Gewebe führen. Dies ist charakteristisch für die Arbeit mit Maus und Tastatur, welche sich durch wiederholende Bewegungen ohne viel Kraftaufwand auszeichnet. Dadurch sind Bildschirmarbeitskräfte häufig betroffen. Umgangssprachlich spricht man bei den Unterarm- und Handgelenksproblemen unter anderem vom Maus- bzw. Tennisarm.2 Die Erwerbstätigenbefragung 2012 der BAuA kam zu dem Ergebnis, dass auf das ganze Jahr gesehen 15,6 % unter Beschwerden in den Händen und 21 % in den Armen litten. Zudem klagten 48,5 % über Schmerzen im Schulter- und Nackenbereich und 46,3 % im unteren Rücken.3

Bei Schmerzen im Schulter- und Nackenbereich, die durch Belastungen am Arbeitsplatz entstehen, spricht man auch von work-related neck pain (WRNP). Hierbei werden Nackenschmerzen als „(…) Schmerz vom Schädelansatz bis zum oberen Bereich des Rückens inklusive der Schultern definiert.4“ Laut IGA-Report 28 sind 36 % bis 58 % der Bürokräfte bzw. Computernutzer jährlich von Nackenschmerzen betroffen. Ein hohes Risiko wird hier unter anderem der Arbeitsplatzgestaltung und der Art von Tastatur und Maus zugeordnet. Verstärkt wird dies durch eine starre Körperhaltung in Verbindung mit einseitigen Belastungen in Form von häufig auftretenden, sich wiederholenden Bewegungsmustern sowie einem Bewegungsmangel durch langes Sitzen.4

Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes sind laut Techniker Krankenkasse die häufigste Ursache für Krankschreibungen. Mit einem Anteil von 19,5 % bei Arbeitsunfähigkeitstagen liegen diese vorne, gefolgt von psychischen Störungen und Verhaltensstörungen mit 16,8 %. Durchschnittlich fällt eine Erwerbsperson knapp drei Tage pro Jahr aufgrund von Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems aus. Diese Ausfallzeiten stellen eine wirtschaftliche Belastung für den Arbeitgeber dar.5

Mit dem Ziel, Beschwerden unter anderem durch eine Optimierung der ergonomischen Arbeitsplatzgestaltung entgegenzuwirken,6–8 wurde die Nutzung ergonomischer Hilfsmittel in Form von Gel-Mauspads in zwei Kunden-Service-Centern diskutiert. Da die Wirksamkeit nicht eindeutig identifiziert ist, entschied das Gesundheits-Management der Kreissparkasse Köln gemeinsam mit dem Betriebsärztlichen Dienst von TÜV Rheinland, eine entsprechende empirische Studie mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern* der Kunden-Service-Center durchzuführen.

Studienaufbau

Im Zuge der arbeitsmedizinischen Betreuung, im speziellen Fall der ergonomischen Arbeitsplatzberatung der Kreissparkasse Köln, durch den Arbeitsmedizinischen Dienst von TÜV Rheinland wurden körperliche Beschwerden der Mitarbeiter in Form von Schulter-, Nacken- und Armschmerzen in den Kunden-Service-Centern festgestellt. Die vorliegende empirische Studie überprüfte in Form einer Befragung die Wirksamkeit von Gel-Mauspads zur Linderung der Beschwerden. Die Laufzeit der Studie betrug sechs Monate von Oktober 2015 bis April 2016.

Zu Beginn der Studie erhielten alle Teilnehmer den für die Studie entwickelten Fragebogen zur Erfassung des Ausgangsstatus. Anschließend startete Kunden-Service-Center A mit der Nutzung der Gel-Mauspads über einen Zeitraum von drei Monaten. Das Kunden-Service-Center B erhielt in diesem Zeitraum keine Gel-Mauspads. Nach Ablauf der Frist erfolgte eine erneute Befragung aller Mitarbeiter mithilfe des identischen Fragebogens, um den aktuellen Gesundheitszustand zu dokumentieren. Auf diese Weise konnte neben der Entwicklung der Gel-Mauspad Nutzer auch die der Nicht-Gel-Mauspad Nutzer dokumentiert und diese als Kontrollgruppe herangezogen werden. Anschließend wurden die Gel-Mauspads drei Monate lang am Standort B verwendet, während an Standort A keine eingesetzt wurden. Bei der Studie handelt es sich somit um eine Cross-Over-Studie. Nach Ablauf der Testphase an Standort B wurden wieder alle Studienteilnehmer mithilfe des Fragebogens befragt. Aufgrund dieses Aufbaus der Teilnehmerbefragung konnten verschiedene Phasen und Gruppen in Abständen von drei und sechs Monaten gemessen werden. Nach Abschluss der dritten Befragung und Analyse der Fragebögen wurden verschiedene Untersuchungsgruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten gebildet und ausgewertet.

* Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden im folgenden Text nur noch als Mitarbeiter bezeichnet.

Der Fragebogen

Der Fragebogen wurde in allen drei Befragungen in identischer Form verwendet und umfasste acht Fragen zum Gesundheitszustand der Mitarbeiter.

Die ersten beiden Fragen bezogen sich auf die Schmerzhäufigkeit und Schmerzstärke und bilden in Kombination die Schmerzintensität. Diese wird anhand des daraus gebildeten Schmerz-Scores aussagekräftig. Die Schmerzstärke wurde zum aktuellen Zeitpunkt, d.h. „heute“, sowie zum Zeitpunkt des „letzten Auftretens“ abgefragt.

Frage drei erfasste die Schmerzlokalisation. Sie diente dazu, zu ermitteln, in welcher Körperregion sich die Schmerzen durch die Nutzung eines Gel-Mauspads veränderten.

Die Fragen vier und fünf ermittelten die ärztliche bzw. medizinische Vorgeschichte, um eventuelle Zusammenhänge zu den jeweiligen Beschwerden zu identifizieren.

Frage sechs erfasste die Gel-Mauspad Nutzung und war die Grundlage für die Bildung der Vergleichsgruppen.

Die Fragen sieben und acht ermittelten das Bewegungsverhalten der Mitarbeiter. Der Zusammenhang zwischen Bewegung und körperlichen Beschwerden sollte als Fehlerquelle bei der Interpretation der Ergebnisse identifiziert und gegebenenfalls eliminiert werden. Da es keine Unterschiede im Bewegungsverhalten bei den verschiedenen Gruppen gab, wird im Folgenden darauf nicht weiter eingegangen.

Weiterentwicklung
des Schmerz-Scores

Der Schmerz-Score dient der Zusammenführung von Schmerzhäufigkeit und Schmerzintensität. Durch den Schmerz-Score wird eine Vergleichbarkeit verschiedener Gruppen bzw. verschiedener Testpersonen in Bezug auf das Schmerzverhalten hergestellt. Zusätzlich lässt sich anhand des Schmerz-Scores eine Entwicklung des Schmerzverhaltens in Form einer Längsschnittstudie darstellen und messen.

Der Schmerz-Score ist ein eigens entwickeltes Tool. Er berücksichtigt sowohl Schmerzstärke als auch Schmerzhäufigkeit und ermöglicht somit genauere Aussagen zum Leidensdruck als die gängigen Scores, die lediglich einen der beiden Parameter berücksichtigen. Die Schmerzskala entspricht den Dimensionen einer numerischen Schätzskala: Da der Schmerz eine subjektive Einschätzung des Einzelnen ist, können die Mitarbeiter ihren Schmerz von 0 = gar nicht bis 10 = stärkster vorstellbarer Schmerz individuell bewerten.9

Die Messung der Schmerzstärke erfolgt mit der gängigen visuellen Schmerzskala (VAS), die der Schmerzhäufigkeit mit dem dargestellten – in vielen Fragebögen verwendeten – Zeitcluster. Damit ist der Schmerz-Score eine Weiterentwicklung der gängigen Scores und stellt als wichtiges Vergleichselement zwei Ebenen des Schmerzes in Bezug zueinander: So ist ein wöchentlich auftretender, stärkster Schmerz für den Befragten in der Regel genauso belastend wie ein täglicher, mittelstarker Schmerz (Wert: 10).

Anhand des Schmerz-Scores lassen sich verschiedene Schmerzstärken mit auftretenden Häufigkeiten vergleichen (Tabelle 1). Die Daten in den dunkler eingefärbten Zellen entsprechen ungefähr dem Durchschnitt von 2,9 in der gesamten untersuchten Gruppe und erleichtern die Vorstellung über das jeweilige Schmerzverhalten.

Im ersten Schritt wurde die Häufigkeit der jeweiligen Kombinationen in einer Matrix gesammelt. Der Schmerzhäufigkeit wurde zur verbesserten Darstellung in Spalte 2 ein Zahlenwert von 0 bis 2 zugeordnet. Die Werte der Schmerzskala konnten aus dem Fragebogen entnommen werden. Für die Gewichtung der Angaben werden die Werte der Schmerzskala und der Schmerzhäufigkeit multipliziert, sodass jede einzelne Zelle ihren eigenen Wert bzw. Schmerz-Score erhält (siehe Tabelle 2).

Die entstandenen Werte aus den Zellen werden mit der Häufigkeit des Auftretens der jeweiligen Kombination multipliziert. Daraus wird in der letzten Spalte von Tabelle 1 die Summe der jeweiligen Zeile gebildet. Werden diese zusammengefasst und durch die Anzahl der Mitarbeiter geteilt, ergibt sich der durchschnittliche Schmerz-Score der jeweiligen Befragung (Tabelle 1: Mittelwert = 2,9).

Studiengruppen

Folgende Gruppen wurden zur Auswertung herangezogen und sind in Tabelle 3 detailliert dargestellt:

Studiengruppe 1: Arbeitnehmer, die bisher kein Gel-Mauspad genutzt haben und in der Studie für drei Monate ein Gel-Mauspad erhielten. Eine Subgruppe (Studiengruppe 1a) konnte durch das Studiendesign nach Ende der Mauspad-Nutzung für drei Monate nachbeobachtet werden. Dabei wurde erfasst, wie sich der Schmerz nach Rückgabe des Gel-Mauspads veränderte.

Kontrollgruppen: Die Mitarbeiter, die kein Gel-Mauspad verwendeten, und diejenigen, die bereits vor Studienbeginn ein Gel-Mauspad besaßen und nutzten. Diese wurden jeweils drei und sechs Monate beobachtet.

Schmerzintensität in den
Interventionsgruppen

SG 1 umfasste die Teilnehmer beider Standorte, die im Rahmen der Studie erstmals für drei Monate ein Gel-Mauspad nutzten. Zur Erhöhung der Datenbasis wurden die Gruppen von Standort A und B zu einem Datenpool zusammengefügt.

Beim Messzeitpunkt „heute“ zeigt sich eine Verbesserung der Schmerzintensität um 1,2 Punkte und 37,5 % sowie beim Messzeitpunkt „beim letzten Auftreten“ um 0,8 Punkte und ca. 17,4 %. Beide Ergebnisse sprechen somit für einen positiven Effekt einer Gel-Mauspad Nutzung auf die Schmerzsymptomatik.

In der Ergebnisdarstellung bei SG 1a wird der Schwerpunkt auf die Entwicklung der Schmerzintensität nach Absetzen des Gel-Mauspads gelegt. Anhand dieser Gruppe kann dargelegt werden, welche nachhaltigen Effekte erzielt werden, wenn der Einsatz über einen definierten Zeitraum von hier drei Monaten erfolgt.

Nach Absetzen des Gel-Mauspads kommt es zu einer Abschwächung der zwischenzeitlich erfolgten Verbesserung. In Bezug auf die tagesaktuellen Schmerzen erfolgt eine Schmerzzunahme, die jedoch unter dem Ausgangsniveau bleibt. Auf den letzten Zeitraum – bis zu einem Monat nach der Rückgabe des Gel-Mauspads gesehen – erfolgt keine Schmerzzunahme, sondern eine minimale, nicht signifikante Verbesserung.

Im Hinblick auf die Schmerzintensität hat die Verwendung eines Gel-Mauspads den Studienteilnehmern bereits nach drei Monaten nachhaltig geholfen. Ein Auslassversuch nach drei Monaten ist bei Betrachtung der Daten „Schmerz heute“ gerechtfertigt, da keine Schmerzzunahme auf das Ausgangsniveau erfolgte.

Schmerzintensität bei den
Kontrollgruppen, die nie
Gel-Mauspads nutzten

Bei KG 1 und KG 1a handelte es sich um Mitarbeiter, die zu keiner Zeit ein Gel-Mauspad verwendet haben. KG 1 wurde über einen dreimonatigen Zeitraum beobachtet, KG 1a über sechs Monate.

In beiden Gruppen zeigte sich ohne die Nutzung eines Gel-Mauspads eine Verbesserung der Schmerzintensität. Die Schmerzlinderung fiel bei tagesaktuellem Auftreten mit –0,2 bzw. –0,3 Punkten relativ leicht aus. Beim letzten aufgetretenen Schmerz ist die Schmerzverringerung nach drei und sechs Monaten mit –1,1 bzw. –2,0 deutlich höher.

Schmerzintensität bei
Kontrollgruppen, die immer ein Gel-Mauspad nutzten

KG 2 bzw. 2a umfasst die Mitarbeiter, die bereits vor Beginn der Studie ein Gel-Mauspad genutzt und dieses ohne Unterbrechung weiterhin eingesetzt haben. Der Beobachtungszeitraum für KG 2 betrug drei Monate, für KG 2a sechs Monate. Aufgrund der geringen Gruppengröße von KG 2 werden die Ergebnisse in absoluten Zahlen dargestellt.

Sowohl bei KG 2 als auch bei KG 2a konnte eine Senkung des Schmerz-Scores beobachtet werden. Bei KG 2 fällt diese mit –0,4 Punkten „heute“ sowie –0,8 Punkten „letztes Auftreten“ relativ gering aus. KG 2a weist eine Verbesserung von –2,6 Punkten „heute“ auf insgesamt 0,4 Punkte sowie eine Verbesserung von –1,6 Punkten „letztes Auftreten“ auf 2,4 Punkte auf.

 

Schmerzintensität im Vergleich

Im Hinblick auf den Vergleich der Untersuchungsgruppen sind die Ergebnisse von KG 2 in ihrer Aussagekraft gegenüber der SG 1 und KG 1 differenziert zu beurteilen. Aufgrund der geringen Probandenzahl werden die Ergebnisse von KG 2 nur als Tendenz zum Vergleich dargestellt. Schwerpunkt der Betrachtung ist die Gegenüberstellung von SG 1 und KG 1.

Schon das Angebot, ein Gel-Mauspad zu nutzen, führte bei allen Gruppen zu einer Schmerzreduktion, unabhängig davon, ob ein Gel-Mauspad tatsächlich benutzt wurde. Die Schmerzreduktion ist bei der SG 1 am Befragungstag mit Abstand am größten (siehe Abbildung 1).

Auch zum Zeitpunkt „letztes Auftreten“ ist bei allen Gruppen eine Verringerung der Schmerzintensität zu beobachten (siehe Abbildung 2). Die Schmerzreduktion ist bei der Studiengruppe 1 im Zeitraum von bis zu einem Monat nach der Rückgabe des Gel-Mauspads im Vergleich zu den Kontrollgruppen nicht mehr vergrößert. Alle drei Gruppen erzielen ähnliche Ergebnisse, wobei KG 1, die kein Gel-Mauspad nutzte, eine leicht höhere Schmerzreduktion aufweist als SG 1 und KG 2.

Insgesamt zeigt die Entwicklung des Schmerz-Scores eine ähnliche Schmerzreduktion bei allen Gruppen. Die Wirksamkeit der Nutzung eines Gel-Mauspads wird nicht bestätigt, da die Veränderung im Gruppenvergleich konstant ist. Aus diesem Grund wurde im weiteren Studienverlauf eine Subgruppenanalyse durchgeführt.

Betrachtung der
Schmerzintensität in
einer Subgruppenanalyse

Die Subgruppenanalyse der SG 1 bezieht sich auf die Entwicklung des durchschnittlichen Schmerz-Scores gegenüber dem der SG 1 (Gel-Mauspad Nutzer) sowie der KG 1 (Nicht-Nutzer) und KG 2 (Immer-Nutzer), dargestellt in Tabelle 4. In den einzelnen Subgruppen kann es zu Doppelwertung der untersuchten Mitarbeiter kommen, da einige mehrere Merkmale vorweisen.

Im folgenden Abschnitt werden die am stärksten betroffenen Studienteilnehmer der Studiengruppe 1 im Hinblick auf ihren durchschnittlichen Schmerz-Score separat betrachtet, um zu untersuchen, ob Mitarbeiter mit starken Schmerzen in besonderem Maße von der Nutzung eines Gel-Mauspads profitieren. Die fünf analysierten Mitarbeiter entsprechen 12,5 % der Gruppe.

Bei den Mitarbeitern mit stärkstem Schmerz zeigt sich wie in Abbilung 3 dargestellt eine deutlich höhere Verbesserung der Schmerzintensität gegenüber dem Durchschnitts-Score der SG 1 und der Kontrollgruppen. Die erfassten Mitarbeiter gaben für den Zeitpunkt „heute“ an, ca. 2- bis 3-mal pro Woche Schmerzen zu haben, die zwischen 5 und 6 auf der Schmerzskala liegen. Die Angaben zum Zeitpunkt „letztes Auftreten“ der Schmerzen lagen ungefähr bei 6 mit fast täglichem Auftreten. Mit –3,1 für „heute“ gegenüber –1,2 bei SG 1 und –2,8 „beim letzten Auftreten“ gegenüber –0,8 bei SG 1 fällt die Verringerung der Schmerzen prozentual gesehen höher aus als in den anderen Gruppen.

Mitarbeiter mit starken Schmerzen wurde als die Gruppe identifiziert, die vom Einsatz eines Gel-Mauspads am ehesten profitieren könnte. Der statistische Effekt, der über den Kontrollgruppen liegt, ist jedoch nur bei der Punktwertreduktion und nicht bei der prozentualen Betrachtung zu beobachten. Das bedeutet, dass man die starken und häufigen Schmerzen auf ein mittleres Maß zu senken vermag, was als Effekt durchaus begrüßenswert erscheint, eine veritable statistische Signifikanz jedoch nicht erreicht wird.

Diskussion

Die Studie zur Wirksamkeit von Gel-Mauspads bei Schulter-, Nacken- und Armschmerzen ist mit einer Teilnahmequote von 80 % hinsichtlich der Validität und in ihrer Aussagekraft gestützt. Mit einem Durchschnittsalter von 39 Jahren liegen die Teilnehmer im mittleren Bereich. Auffällig ist ein hoher Frauenanteil von 78 %, der bei Telefon-Kunden-Service-Centern nicht außergewöhnlich ist. Bei der ersten Befragungsrunde lag die Rücklaufquote bei 80 %, bei der zweiten bei 68 % und der dritten bei 63 %. Somit liegen Daten für eine Längsschnittanalyse vor, auch wenn zu jedem Zeitpunkt ein leichter Abfall der Rücklaufquote zu verzeichnen war.

Die Dokumentation am Startzeitpunkt mit N=79 zeigt, dass ca. 92 % der teilnehmenden Mitarbeiter über Schulter-Nacken-Arm- oder Handgelenksbeschwerden klagten. 40 % der 79 Studienteilnehmer hatten diese Beschwerden ca. 1- bis 2-mal im Monat, ca. 14 % wöchentlich und 36 % 2- bis 3-mal pro Woche oder häufiger.

Mit fast 86 % ist der Schulter-Nacken-Bereich die Region, in der am häufigsten Schmerzen auftreten. Ca. 28 % der Schmerzen (Doppelnennungen waren möglich) beziehen sich auf Unterarm und Handgelenke.

Im Studienverlauf konnte die durchschnittliche Schmerzintensität, bewertet durch den Schmerz-Score, bei allen Gruppen unabhängig von der Nutzung eines Gel-Mauspads reduziert werden. Das Ausmaß der Schmerzlinderung durch die Verwendung eines Gel-Mauspads ist im hohen Maße von der individuellen Schmerzstärke abhängig.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung identifizieren Arbeitnehmer an Bildschirmarbeitsplätzen mit starken Schmerzen als Zielgruppe für die Nutzung von Gel-Mauspads. Die Schmerzreduktion war bei diesen Personen am höchsten ausgeprägt. Bei Wegnahme des Gel-Mauspads kam es erwartungsgemäß zu einem leichten Rebound der Beschwerden, der sich vor allem auf den Wegnahmetag („heute“) konzentrierte. Bei Beobachtung eines längeren Schmerzintervalls ergab sich kein Wiederanstieg der Beschwerden.

Die Nutzung eines Gel-Mauspads ist vor allem für Mitarbeiter mit starken und häufigen Schmerzen sinnvoll, indem diese ihre Beschwerden in einen mittleren Bereich reduzieren können. Für die Mitarbeiter, die nicht unter starken Schmerzen leiden, kann keine Wirksamkeit über das Maß der nicht Gel-Mauspad-bedingten Verbesserung hinaus bestätigt werden.

Fazit

Aufgrund dieses Studienergebnisses kann Arbeitnehmern mit starken Schmerzen im Schulter-, Nacken- und Armbereich an Bildschirmarbeitsplätzen empfohlen werden, versuchsweise ein Gel-Mauspad einzusetzen. Um den Effekt dieser Maßnahme zu erfassen, empfiehlt es sich, die Schmerzintensität vor Ausgabe des Gel-Mauspads zu dokumentieren, nach drei Monaten den Verlauf zu kontrollieren und anschließend über die langfristige Nutzung zu entscheiden.

Dieses Vorgehen wurde mit den Verantwortlichen der Kunden-Service-Center, die an dieser Studie teilgenommen haben, und dem Betriebsarzt abgestimmt und als zukünftige Handlungsempfehlung ausgegeben.

Literatur

  1. Wittig-Goetz U.: Gesundheitsrisiken durch Bildschirmarbeit, im Auftrag der Abt. Mitbestimmungsförderung, Referat Betrieblicher Arbeits- und Umweltschutz, Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg.), 2006, http://www.boeckler.de/pdf/mbf_as_risiko_2006.pdf.
  2. Conrad C.: Was ist das RSI-Syndrom? http://www.repetitive-strain-injury.de/was-ist-rsi-syndrom.php [26.08.2016].
  3. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin BAuA (Hrsg.): Grundauswertung der BIBB/ BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2012, Berlin/ Dortmund/ Dresden, 2013.
  4. AOK-Bundesverband, BKK Dachverband e. V., Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) (Hrsg.): iga.report 28, 2015.
  5. Techniker Krankenkasse (Hrsg.): Gesundheitsreport 2014.
  6. Benner V., Burnus M., Ochs S.: Ergebnisse eines Interventionsprogrammes zur betrieblichen Gesundheitsfürsorge: Signifikante Reduktion von Rückenbeschwerden, subjektive Abnahme von Stress-Symptomen und Reduzierung von Fehlzeiten. Ergomed 2007, 6:162–167.
  7. Burnus M., Benner V., Gutman B., Steinke U.: Ergebnisse eines Modellprojektes zur Prävention branchenspezifischer Erkrankungen in einem Kunden-Service-Center. ASU – Arbeits-Sozial-Umweltmedizin 43, 2008, 8:386–393.
  8. Burnus M., Benner V., Becker L., Stock S.: Entwicklung eines Instruments zur Bedarfsermittlung und zum Monitoring im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) eines Versicherungskonzerns. Versicherungsmedizin 2014, 67,2:21–29.
  9. Baron R., Koppert W., Strumpf M.: Praktische Schmerzmedizin; Interdisziplinäre Diagnostik – Multimodale Therapie, 3. Auflage, Berlin/ Heidelberg, 2013.

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