Prävention

hörkomm.de unterstützt schwerhörige Menschen

Foto: Janina Dierks – Fotolia.com

Vor allem große Betriebe haben inzwischen erkannt, dass sie auf den demografischen Wandel und älter werdende Belegschaften reagieren müssen. Es gilt, die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten langfristig zu erhalten und Arbeitsplätze und -abläufe gesundheitsfördernd zu gestalten.

Vor diesem Hintergrund des demografischen Wandels sollte eigentlich auch das Thema Schwerhörigkeit Beachtung finden. Denn mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Hörvermögen abnimmt. Und Schwerhörigkeit ist nicht nur eine individuelle Einschränkung, die man mit Hörgeräten ausgleichen kann, sondern auch Folge verschiedenster (Hör-)Barrieren in der Umwelt. Die Spanne reicht dabei von schlechter Raumakustik in der Arbeitsstätte, unzureichender Kommunikationstechnik, bis hin zur Kollegenschaft und Vorgesetzten, die nicht wissen, wie sie sich angemessen verhalten sollen. Das Projekt hörkomm.de sieht Handlungsbedarf aufseiten der Betriebe. Vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert, identifiziert hörkomm.de Barrieren für Hörgeschädigte in Unternehmen, erarbeitet Lösungsansätze und erprobt diese praktisch in Betrieben. Ergebnis ist ein Leitfaden für Unternehmen zur Schaffung barrierefreier, hörfreundlicher Arbeitsumgebungen.

Studie: Was wissen Betriebe über Schwerhörigkeit?
Um zunächst den Status quo des Umgangs mit Schwerhörigkeit in Betrieben zu ermitteln, hat hörkomm.de eine Studie durchgeführt: Was wissen Arbeitgeber, Betriebsräte und andere relevante Akteure über das Thema Schwerhörigkeit? Wird dieses Handikap als Problem in Betrieben erkannt? Gibt es Unternehmen, die bereits vorbildliche Lösungswege im Umgang mit Höreinschränkungen gefunden haben?

In leitfadengestützten Interviews wurden knapp 20 Experten aus den Bereichen Gesundheit und berufliche Rehabilitation sowie Vertreter aus großen Unternehmen zum Thema „Umgang mit Schwerhörigkeit in Betrieben“ befragt. Im Folgenden die Ergebnisse in der Zusammenfassung.

Schwerhörigkeit ist kein Thema in den Unternehmen
Bei einer Einschätzung sind sich die Experten einig: Schwerhörigkeit wird als Thema in Unternehmen kaum wahrgenommen.

Eine Ausnahme bilden Branchen, in denen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dauerhafter Lärmeinwirkung am Arbeitsplatz ausgesetzt sind. Dies kann unter Umständen eine „Lärmschwerhörigkeit“ verursachen. Lärmschwerhörigkeit ist eine der am häufigsten gemeldeten Berufskrankheiten und tritt oft in der metallverarbeitenden Industrie oder im Baubereich auf.

In den betroffenen Unternehmen steht insbesondere die Prävention vor der Schwerhörigkeit im Fokus. Ziel ist es, den Lärm zu vermindern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die Gefahren aufzuklären und geeignete Gehörschutzmittel bereitzustellen. Betriebsärzte führen außerdem regelmäßig Hörscreenings im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen durch.

Bekannt sind weiterhin einzelne Betriebe, die sich die Integration hochgradig schwerhöriger oder gehörloser Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf die Fahnen geschrieben haben. Oft sind es engagierte Schwerbehindertenvertretungen, die sich für diese Personengruppen einsetzen. An den Arbeitsplätzen stehen in der Regel technische Hilfsmittel zur Verfügung, die im Rahmen von Arbeitsplatzanpassungen von Integrationsämtern oder anderen Kostenträgern finanziert wurden.

Den befragten Expertinnen und Experten waren allerdings keine Unternehmen bekannt, die das Thema Schwerhörigkeit präventiv, vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und älter werdenden Belegschaften, aufgreifen.

Dabei sprechen die Zahlen für sich: 25 % der 50– bis 59-jährigen und 37 % der 60– bis 69-jährigen Deutschen leiden heute unter Schwerhörigkeit. Und was ganz wichtig ist: nur ein sehr kleiner Teil schwerhöriger Menschen entschließt sich überhaupt dazu, das Problem aktiv anzugehen und Hörgeräte zu tragen. In Deutschland sind schätzungsweise 16 Millionen Menschen schwerhörig, davon sind nur ca. 3 Millionen mit Hörgeräten versorgt.

Die Angst, sich zu „outen“
Schwerhörigkeit ist eine Behinderung, die man nicht sieht und über die man anscheinend auch nicht spricht. Alle befragten Experten sehen es als großes Problem, dass die Betroffenen sich nicht zu ihrem Handikap bekennen und entsprechende Unterstützung einfordern. Auch Schwerbehindertenvertretungen in großen Unternehmen klagen darüber, dass sich die schwerhörigen Kollegen nicht bei ihnen melden, entsprechend also keine Interessenvertretung für diese Zielgruppe möglich ist.

„Wir würden gerne sehr viel mehr machen. Diejenigen, die wir erreichen können – für die können wir auch was tun. Aber für den Rest entfällt das – und ich denke mal, die Dunkelziffer ist bei 15.000 Mitarbeitern schon sehr groß. […] Es ist immer wieder das gleiche Problem: sie (die Schwerhörigen) müssen sich outen.“ (Veronika Schwartau, Vertrauensfrau der Schwerbehinderten, Airbus Deutschland GmbH)

Das Nichtbeachten und Verschweigen der Schwerhörigkeit gilt übrigens nicht nur für das betriebliche Umfeld. Schwerhörigkeit wird in unserer Gesellschaft generell als Makel empfunden, Hörgeräte stehen für Alter und Gebrechlichkeit. Dies ist der Hauptgrund, warum viele Schwerhörige nicht offen mit ihrer Einschränkung umgehen und entsprechende Hilfsmittel wie Hörgeräte nutzen. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass weniger als 40 % der schwerhörigen Menschen ihren Kollegen oder Freunden von dem Hörverlust erzählen.1

Schwerhörigkeit taucht also erst gar nicht als Thema oder Problem in den Betrieben auf. Vor diesem Hintergrund wundert es auch nicht, dass von betrieblicher Seite keine Notwendigkeit gesehen wird, Unterstützung anzubieten oder auf die Barrierefreiheit der Arbeitsumgebung zu achten.

Psychische Belastung durch Schwerhörigkeit?
In den letzten Jahren ist die Zahl psychischer Erkrankungen in Unternehmen extrem gestiegen. Einige Experten wiesen darauf hin, dass auch Schwerhörigkeit – neben anderen Faktoren – ein Auslöser hierfür sein kann. Denn Schwerhörigkeit, insbesondere wenn sie vor Kollegen und Arbeitgebern ständig verborgen werden muss, belastet und zehrt an Kraft und Nerven.

Eine empirische Studie aus Italien bestätigt diese Vermutung. Danach leiden Arbeitnehmer mit unbehandeltem leichten oder mittelschweren Hörverlust häufiger unter psychischen und sozialen Problemen am Arbeitsplatz und gehen häufiger in die Frühverrentung als Nichtbetroffene.2

1. Sensibilisierung von Unternehmen
Nach Meinung der befragten Fachleute muss der offene Umgang mit dem Thema Schwerhörigkeit in den Unternehmen kultiviert werden.

„Bewusstseinsbildung ist ja ein Begriff aus der Inklusionsdebatte. Ich habe ja vorhin schon darauf hingewiesen, dass Schwerhörigkeit eine versteckte Behinderung ist. Es müssen einfach die Arbeitgeber der Firmen sensibilisiert werden. Auch wenn der Schwerhörige behauptet, ihm geht’s gut, er hat keine Probleme. Denn im Hintergrund können doch Probleme vorhanden sein.“ (Bettina Grundmann, Hörberaterin, Bund der Schwerhörigen e.V.)

Als erste Aufgabe ergibt sich aus der Analyse des Status quo, Arbeitgeber und Führungskräfte zu informieren und zu sensibilisieren. Inhaltlich sollte zunächst über den Zusammenhang zwischen der demografischen Entwicklung und der Zunahme von schwerhörigen Beschäftigten aufgeklärt werden. Im Anschluss gilt es, mögliche Problemfelder in Unternehmen aufzuzeigen und Handlungsoptionen vorzustellen.

Dies mit dem Ziel, eine „hörfreundliche Unternehmenskultur“ zu schaffen, in der Beschäftigte mit Hörbeeinträchtigung in ihren Anforderungen wahrgenommen werden und keine Vorbehalte oder Ängste haben, ihre Bedürfnisse einzufordern.

2. Empowerment der Schwerhörigen
Parallel zur Sensibilisierung der Arbeitgeber sollten auch die schwerhörigen Beschäftigten dabei unterstützt werden, ihre Bedürfnisse und Anforderungen selbstbewusst zu vertreten. Gelernt werden muss, von dem Defizit-Blickwinkel auf die eigene Behinderung abzukehren und mögliche Gestaltungsspielräume zu nutzen.

„Die Schwerhörigen dürfen nicht erwarten, dass man sie „abholt“, sondern sie müssen selbst offensiv mit ihrer Behinderung umgehen. Eine mindestens gleich große Barriere wie ihre Schwerhörigkeit ist die Hemmschwelle.

Deshalb ist es wichtig, dass […] das Selbstbewusstsein der Hörgeschädigten gefördert wird und dass sie auch die baulichen und technischen Möglichkeiten einer barrierefreien Umgebung kennenlernen.

Nur wenn die Betroffenen ihre Forderungen selbst stellen, wird die bisherige „Fürsorge“ wirklich zu einer allgemeinen Barrierefreiheit.“ (Carsten Ruhe, Referatsleiter Barrierefreies Planen und Bauen, Deutscher Schwerhörigenbund e.V)

Zu seinem Handicap zu stehen und Unterstützung einzufordern, ist sicherlich einfacher, wenn man Kollegen und Kolleginnen kennt, die vergleichbare Hindernisse zu überwinden haben. Maßnahmen im Sinne des Empowerments unterstützen auch den Austausch zwischen den „Betroffenen“, mit dem Ziel, aus den Erfahrungen der anderen zu lernen und gemeinsam nach Lösungsansätzen zu suchen.

3. Über mögliche Hilfsmittel informieren
„Es muss möglich sein, dass die Hörgerätekosten wieder voll übernommen werden. Gerade für Berufstätige. Es ist einfach ein Horror, was da abläuft. Nur mit einer guten Hörgeräteversorgung kann ich überhaupt vollwertig, soweit es mir möglich ist berufstätig sein. Es kann nicht sein, dass, weil ich ein minimales Einkommen habe, ich deswegen von der Kommunikation am Arbeitsplatz ausgegrenzt werde.“ (Bettina Grundmann, Hörberaterin, Bund der Schwerhörigen e.V)

Alle Experten weisen darauf hin: Eine qualitativ gute Hörgeräteversorgung ist die Grundlage für erfolgreiche Kommunikation am Arbeitsplatz. Allerdings ist die Finanzierung von Hörgeräten und Hilfsmitteln immer noch ein Problem. Hier sind weniger betriebliche Verantwortliche gefragt. Aber Schwerbehindertenvertreter oder Betriebsärzte sollten darauf aufmerksam machen, wenn eine Finanzierung von teuren Hörgeräten durch einen Kostenträger, wie z. B. Rentenversicherung, möglich ist.

Fazit
Schwerhörigkeit ist im Arbeitsleben bislang kein Thema. Aus Angst, als „alt, gebrechlich und weniger leistungsfähig“ wahrgenommen zu werden, sprechen viele Schwerhörige nicht über ihre Hörminderung; geeignete Hilfsmittel wie Hörgeräte werden eher selten genutzt. Bei der Arbeit kann dies neben Verständnis- und Kommunikationsproblemen auch zu besonderen psychischen Belastungen der schwerhörigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen führen.

Wenn es nun darum geht, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, waren sich die befragten Experten einig: Die Sensibilisierung und Information von Arbeitgebern und Führungskräften, die Schaffung einer offenen, hörfreundlichen Unternehmenskultur sowie die Stärkung der betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind wichtige Aufgaben im Rahmen einer zukunftsorientierten Firmenpolitik.

Literatur

1. http://www.german.hear-it.org/

2. Psychological Profile and Social Behaviour of Working Adults with Mild or Moderate Hearing Loss”, Acta Otorhinolaryngol Ital., April 2008.

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