Psyche und Arbeit

Psychische Gesundheit im Betrieb

Die von den Krankenkassen berichtete Zunahme der Arbeitsunfähigkeiten mit Diagnose „Psychische Störung“ in unserer Gesellschaft und somit auch in der Arbeitswelt ist unstrittig.

Auch wenn es widersinnig erscheint, muss festgestellt werden: Psychische Störungen nehmen im Grunde genommen nicht zu, auch wenn viele Indizien darauf hindeuten. Dies ist aus den Ergebnissen epidemiologischer Studien festzustellen.

Die Gründe für den durch die Krankenkassen berichteten Trend liegen aller Voraussicht nach in der zunehmenden Selbst-Wahrnehmung psychischer Probleme (Psycho-Permission), der intensiveren öffentlichen Diskussion und der teilweisen Ent-Stigmatisierung psychischer Erkrankungen in der öffentlichen Wahrnehmung. Man muss sich seiner Probleme nicht schämen, wenn Sportler wie Herr Deisler oder Herr Hannawald offen über eigene Erkrankungen berichten. Die öffentlich breit diskutierten Veränderungen im Krankheitsgeschehen sind demnach in erster Linie auf eine sprunghaft steigende Behandlungsbedürftigkeit (häufig indiziert durch Selbst-Wahrnehmung) zurückzuführen, die jedoch keine minder bedeutende Herausforderung nicht nur für die Unternehmen darstellt. Die Wissenschaft geht davon aus, dass bisher nur ein Teil der psychischen Störung (unterschiedlicher Schwere und nur teilweise behandlungsbedürftig) erkannt und behandelt worden ist. Deshalb wird davon ausgegangen, dass mit der aktuellen Entwicklung lediglich die Dunkelziffer kleiner wird, also ein statistischer Effekt deutlich wahrnehmbar wird. Kritisch sind die zum Teil sehr unseriösen Deutungsversuche für diesen Trend kombiniert mit klaren holzschnittartigen Schuldzuweisungen. Aus der Tatsache, dass psychische Belastungen bei vielen Arbeitsprozessen auftreten, die Mitarbeiter unterschiedlich beanspruchen, wird häufig geschlossen, dass für die negativen Veränderungen der psychischen Gesundheit in Deutschland maßgeblich die Änderungen in der Arbeitswelt verantwortlich sind. In diesem Kontext hat der Bericht „Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“ des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen in der ersten Jahreshälfte 2008 für ein entsprechendes einseitiges Presseecho gesorgt. Eine trennscharfe Analyse, wodurch psychische Störungen entstehen, ist nicht möglich. Genetische Disposition und körperliche Ursachen spielen ebenso eine Rolle wie die vielfältigen und oftmals miteinander verflochtenen Einflüsse, die auf die Menschen einwirken. Ganz unterschiedliche Lebenssituationen können zu einer psychischen Überforderung und sogar Erkrankung führen, z.B. finanzielle Sorgen, Prüfungssituationen, zwischenmenschliche Probleme, die Teilnahme am Straßenverkehr, Kindererziehung oder die Betreuung von kranken oder älteren Angehörigen. Auch die eigenverantwortliche Gestaltung des Privatlebens darf hierbei nicht außer Acht gelassen werden. Die Wissenschaft bezeichnet Synchronisationsprobleme durch die Erhöhung der Zahl der Handlungs- und Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit als Hauptproblem unserer modernen Gesellschaft. Kurz gesagt fehlt es auch an Muße und Entspannung bedingt durch Erlebnishunger und ein hohes Lebenstempo. Belastung und Entlastung stehen nicht mehr ausgewogen nebeneinander. Dazu kommt, dass gewachsene Unterstützungsstrukturen wie Großfamilien und Freundeskreise z.B. in Krisensituationen und bei privaten Aufgaben wie der Kindererziehung in der heutigen Gesellschaft immer weniger zur Verfügung stehen.

Auch Belastungen im Beruf sind eine mögliche Ursache für eine psychische Überforderung. Insgesamt wirkt sich Berufstätigkeit aber sehr positiv auf die psychische Gesundheit aus: So fühlen sich Arbeitnehmer seltener gestresst als Hausfrauen und -männer. Vor allem leiden Arbeitnehmer deutlich weniger an psychischen Störungen als Arbeitslose. Arbeit schafft Selbstbestätigung und Anerkennung und ist damit eine wesentliche Ressource für psychische Gesundheit.

Bei Prüfung der zahlreichen Datensätze der Krankenkassen zu Arbeitsunfähigkeiten ist auffällig, dass die erkannten und registrierten Fallzahlen psychischer Diagnosen nur verhältnismäßig langsam zunehmen. Demgegenüber ist der Zuwachs daraus begründeter krankheitsbedingter Fehlzeiten jedoch bemerkenswert. Dies erklärt sich mit deutlich zunehmender Falldauer. Ein Grund hierfür scheint offenbar in erheblichen Schwachstellen kassenärztlicher Versorgung bei psychischen Diagnosen gegeben zu sein. Betriebsärzte berichten über zunehmende Wartezeiten von derzeit rund 6 Monaten auf eine psychotherapeutische Behandlung. Dazu kommt, dass im Jahr 2000 der Diagnoseschlüssel auf die 10. Revision der ICD (International Classification of Diseases) umgestellt worden ist. Seitdem sind statt der Krankenkassen direkt die krankschreibenden Ärzte für die Aufschlüsselung der Diagnosen zuständig – und die können vor Ort gerade psychische Erkrankungen besser diagnostizieren und zuordnen. Statistisch schlägt sich dies in einer höheren Entdeckungsrate nieder.

Welche Auswirkungen haben diese komplexen Dinge auf die Unternehmen?

Eine Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit kann negative Auswirkungen auf Arbeitsprozesse und -ergebnisse haben. Zum Einen kann sich die Leistung der betroffenen Arbeitnehmer deutlich verschlechtern und letztlich auch zu krankheitsbedingten Fehlzeiten führen. Zum Anderen belasten Beschäftigte mit psychischen Problemen potenziell auch ihr Arbeitsumfeld. Unter Umständen funktionieren innerbetriebliche Abläufe schlechter, es besteht die Gefahr von Fehlhandlungen und Unfällen oder es kann ein Nährboden für schlechtes Betriebsklima bis zum Mobbing entstehen. Für Unternehmen bedeutet dies eine verringerte Produktivität und schlechtere Wettbewerbsfähigkeit.

Bei näherer Betrachtung kommen folgende Forschungsergebnisse zum Tragen:

Bei Mitarbeitern mit sich steigernden psychischen Störungen kann es zu 20% bis 40% Leistungsminderung kommen, bevor massive Abwesenheitszeiten ausgelöst werden. Solche Signale kann der Betrieb rechtzeitig aufgreifen, wenn die Führungskräfte sensibilisiert sind. Dazu kommt, dass psychische Störungen selten allein auftreten. Im aktuellen Gesundheitsbericht der Techniker Krankenkasse wird berichtet, dass die Krankschreibungszeiten auf Grund körperlicher Diagnosen (z.B. unspezifische Rückenschmerzen) durchschnittlich um Faktor 3 erhöht sind, wenn die Betroffenen zusätzlich psychische Diagnosen aufweisen (TK Gesundheitsreport 2008). Eine eindimensionale Betrachtung der Diagnose „psychische Störungen“ darf deshalb nicht eintreten. Die Arbeitgeber haben kein Interesse mit dem Thema psychische Erkrankungen ein „Schwarzer Peter-Spiel“ zu betreiben. Es geht vorrangig nicht darum, darüber zu streiten, zu welchem Prozentsatz welche Ursachen an dem Auftreten psychischer Störungen beteiligt sind. Gefragt sind betriebliche Strategien und Maßnahmen, die helfen, den geschilderten Missstand, der den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen gefährdet, zu beheben.

In den Unternehmen gibt es vermehrt Mitarbeiter, die mit psychischen Störungen auf- und ausfallen. Im betrieblichen Alltag treten überwiegend Einzelfälle auf, die keine direkte Zuordnung zu Arbeitsinhalten ermöglichen. Grundsätzlich gilt, dass betroffenen Mitarbeitern möglichst frühzeitig und kompetent geholfen werden sollte. Erfahrungen aus den Unternehmen belegen die positive Wirkung von fallbezogenem Vorgehen. Wenn häufiger Beschäftigte mit psychischen Störungen auffallen, ist zusammen mit dem werksärztlichen Dienst und mit Unterstützung der Krankenkassen und Unfallversicherungsträger eine Ursachenforschung zu empfehlen. Darauf aufbauend können gezielte Maßnahmen, z.B. Schulungen der Führungskräfte im Umgang mit psychisch auffälligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abgeleitet und durchgeführt werden. Dieses Element kann als Baustein in einem systematisch betriebenen Gesundheitsförderungsprogamm auf betrieblicher Ebene betrachtet werden. Orientierende Leitfäden zur Auswahl eines effektiven Zuschnitts betrieblicher Gesundheitsförderung werden von Unternehmer-Verbänden zum Teil bereits angeboten.

Psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeitsfälle dauern sehr lange. Der Betrieb muss versuchen, selbst, über den werksärztlichen Dienst oder über die Krankenkasse, Kontakt mit den betroffenen Beschäftigten zu halten. Eine rechtzeitige psychosoziale Betreuung hat in vielen Fällen zu einer baldigen Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit beigetragen. Hierzu sind insbesondere Employee Assistant Programme hilfreich, wie sie in großen Unternehmen vielfach eingeführt sind.

Auch wenn die Arbeitswelt nicht die alleinige Ursache für psychische Störungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist, haben die Firmen ein großes Interesse daran, solche Krankheiten und Arbeitsunfähigkeiten durch Prävention zu vermeiden und bei der Bewältigung zu helfen. Dabei hat gerade der Betrieb gute Chancen, nicht zuletzt durch den betriebsärztlichen Dienst, durch betriebliche Sozialarbeiter, durch die betriebliche Gesundheitsförderung in Zusammenarbeit mit Krankenkassen und der Unfallversicherung und durch andere bewährte Einrichtungen bzw. Methoden.

Bei der Entwicklung geeigneter betrieblicher Konzepte sind arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse mit einzubeziehen. Eine „gesunde“ Organisation und gesundheitsgerechte, mitarbeiterorientierte Führung können einen wesentlichen Beitrag zu psychischem Wohlbefinden am Arbeitsplatz leisten.

Vorrangig geht es um die Vermeidung psychischer Fehlbelastungen. Wenn dennoch psychische Störungen bei Mitarbeitern auftreten, sollte der Versuch unternommen werden durch frühzeitiges Erkennen in der Führungsarbeit die Ausfallzeiten so kurz wie möglich zu halten.

Aufgrund der multikausalen Ursachen aus dem Privatleben und der Arbeitswelt sind natürliche Grenzen für das unternehmerische Handeln zu akzeptieren. Neben der Sensibilisierung der Führungsverantwortlichen zu deren Unterstützung im Umgang mit auffälligen Mitarbeitern kann eine auf einzelne Mitarbeiter ausgerichtete betriebliche Gesundheitsförderung ressourcenstärkend und stabilisierend wirken. In großen Unternehmen werden über Sozialberatungen und werksärztliche Dienste Unterstützungsangebote zur Bewältigung persönlicher Krisen von Mitarbeitern und des systematischen Wiedereingliederungsmanagements nach langen Ausfallzeiten mit belegbaren Erfolgen angeboten. Besonders in Zeiten des Umbruchs kann betriebliches ChangeManagement der stabilisierende Effekt einer wirksamen Gesundheitsförderung sein.

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