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„Selbst schuld“

Wer kennt das nicht aus seiner Kindheit: Die Klassenarbeit geht daneben, die Knie sind aufgeschürft, der Bus ist weg. Und dann auch noch der Vorwurf: „Selbst schuld!“ Obwohl wir doch sicher waren, dass der Lehrer die falschen Hinweise gab, Papa vergaß, die Rollschuhe zu ölen, Mama den Wecker falsch eingestellt hat.

Und was hat das mit Betriebsärztinnen und –ärzten zu tun? Manchmal drängt sich mir genau dieser Eindruck auf: Selbst schuld. Daran, dass es statt einer gesundheitlichen Vollbetreuung aller (!) Beschäftigten in Deutschland noch nicht einmal mehr die Vision davon gibt; dass andere betriebliche Arbeitsschutzexperten und ihre Angebote akzeptierter zu sein scheinen; dass trotz familienfreundlicher Arbeitsbedingungen die Arbeitsmedizin mehr noch als andere Fachrichtungen unter Nachwuchsmangel leidet.

Aber statt sich das einzugestehen und darin die Chancen für eigene Handlungen zu sehen, wird die Schuld bei Anderen gesucht: „die Politik“ lässt unterschiedliche Preise für betriebsärztliche Dienstleistungen zu, „die Unis“ schaffen arbeitsmedizinische Lehrstühle ab, „der Staat“ und „die Berufsgenossenschaften“ kontrollieren die Arbeitsschutzvorgaben entweder nicht genug oder aber doppelt usw. usf. Und währenddessen entwickelt sich die betriebliche Gesundheitswelt weiter (weg).

Während noch überlegt wird, wie viel Betriebsärztinnen und –ärzte Deutschland wirklich braucht, einzelne den Bedarf ihrer eigenen Fachrichtung sogar nach unten korrigieren, steigt die Zahl der „anderen“ betrieblichen Berater mit unbestreitbar gesundheitlicher Kompetenz unaufhaltsam an. Es könnte der Eindruck entstehen, wir haben nur dann zu niedrige Zahlen, wenn wir uns auf uns selber beschränken. Oder auch: wir sind genug, wenn wir uns bloß nicht neuen Aufgaben zuwenden.

Zunehmend tauchen „plötzlich und unerwartet“ neue Themenfelder auf, die auch für Betriebsärztinnen und -ärzte relevant sein könnten. Natürlich kann man beispielweise BGF als „Einfallstor“ für Nicht-Arbeitsmediziner ins ASiG betrachten, für Sozial- und Ernährungswissenschaftler, Sportmediziner und –lehrer, Physio- und jüngst auch Psychotherapeuten, … die alle auch das betriebliche Gesundheitsfeld bestellen und damit Konkurrenten sind. Dasselbe gilt für die Flut an betrieblichen Gesundheitsexperten mit so wohlklingenden Bezeichnungen wie Manager für Betriebssicherheit und solche für Demographie, Wiedereingliederung oder Vitalität und noch viele mehr.

Man darf sich aber auch die Frage stellen: Woher kommt der “Raum“, in dem diese alle tätig werden? Wieso sind Unternehmen, die doch sonst immer auf Cent und Euro gucken, bereit, hierfür zu zahlen – oftmals sogar zusätzlich zu den ASiG-Honoraren? Woher kommt eigentlich der Bedarf für derartige Dienstleistungen und warum haben wir ihn nicht selber erst ent- und dann gedeckt? Und könnten Betriebsärztinnen und –ärzte wirklich sämtliche Themenfelder eines „echten“ BGM abdecken, die Bedingungen für Gesundheit im Betrieb und des Betriebes enthalten? Personal- und Organisationsentwicklung? Gender und Inklusion? Berichterstattung und Controlling?

Und hier schließt sich der Kreis zur Überschrift: Die Tatsache, dass das Feld „Gesundheit im Betrieb“ seit einigen Jahren thematisch und strukturell wächst, ist kein Problem. Wir müssen uns aber fragen, wie das passieren konnte, ohne dass wir es gemerkt haben! Oder haben wir es gemerkt, es aber nicht ernst genommen? Egal, welche Ursache die entscheidende ist, nicht „die Anderen“ sind schuld, wenn wir scheinbar plötzlich von der Existenz einer DIN erfahren. Vielleicht arbeiten wir – anders als andere Professionen im Arbeitsschutz – noch immer nicht vernetzt genug? Mir scheint manchmal, Betriebsärztinnen und -ärzte sind zu gesundheitsschützerischen Individualisten geworden, denen im harten Alltagseinsatz der Blick für die vielen anderen, die am selben Ziel arbeiten, abhanden gekommen ist.

Verbündete auf dem Feld der betrieblichen Gesundheitspolitik gibt es zahlreiche, Anknüfungspunkte für Kooperationen gibt es genug. Es muss ja nicht gleich im ASiG in § 3 (1) Nr. 1. ein neuer Buchstabe k) = „Koordination aller innerbetrieblichen Aktivitäten mit individueller und organisationeller Gesundheitsrelevanz“ eingefügt werden. Was offenkundig fehlt, ist eine gemeinsame „Interessenvertretung“ aller auf dem Gebiet Arbeit und Gesundheit im Betrieb Tätigen. Einer sollte auf dem Weg dorthin die Führungsrolle für sich reklamieren. Warum nicht die Leitdisziplin in Sachen Prävention? Warum nicht die Betriebsärztinnen und –ärzte „vor Ort“?

Nur: anpacken müssen wir selber! Sonst sind wir irgendwann wieder „Selbst schuld“.

Andreas Meyer-Falcke