01_Betriebliches Gesundheitsmanagement

Empfehlungen des BBGM und die Umsetzung in der Praxis

Das betriebliche Gesundheitsmanagement wird aufgrund der Dynamik in der Arbeitswelt, der psychosozialen Belastungssituation und sich schnell ändernder Rahmenbedingungen zukünftig eine strategische Säule für Unternehmen sein. Flexibilisierungsprozesse, die steigende Anzahl Beschäftigter im Dienstleistungssektor, die zunehmende Diversität in den Arbeitsverhältnissen (vgl. auch Rigotti & Mohr, 2011) sowie steigende rechtliche Anforderungen (z.B. Arbeitsschutzgesetz, Präventionsgesetz, DGUV V2, §20 SGB V, §14 SGB VII, §167 Abs. 2 SGB IX) und nicht zuletzt Zertifizierungsdrücke (z.B. DIN ISO 45001) befeuern die Nachfrage nach BGM zusätzlich.

Dezidierte Analysen, erfolgreiche Planungen und Umsetzungen sowie eine umfangreiche Evaluation des BGM sind stark von der Qualität und Kompetenz der fachlich Verantwortlichen abhängig. Trotz wachsender Bedeutsamkeit ist das Berufsbild „Betriebliche/r Gesundheitsmanager/in“ derzeit weder geregelt, noch geschützt. Es ist derzeit auch nicht zu erwarten, dass dies geschieht. Die Nachfrage nach professionellen Trägern steigt aber deutlich an. Wirft man einen Blick auf den, in Deutschland bestehenden Ausbildungsmarkt, stößt man auf diverse Aus-, Fort- und Weiterbildungslehrgänge im Bereich des BGM. Die Eingangsvoraussetzungen, der Ausbildungsumfang, Titel und Preise differieren stark.

Deshalb hat der Bundesverband Betriebliches Gesundheitsmanagement (BBGM), der die Interessen aller Träger der betrieblichen Gesundheitsarbeit vertritt, Empfehlungen zur Ausbildung betrieblicher Gesundheitsmanager/innen entwickelt (siehe Internet www.bbgm.de). Seit 2014 haben sich 17 Ausbildungsinstitutionen nach den Ausbildungsempfehlungen des BBGM zertifizieren lassen. 2018 wurde über 270 betrieblichen Gesundheitsmanagern/innen das Zertifikat aufgrund bestandener Prüfung verliehen. Nach 5 Jahren wurden 2019 die Empfehlungen überprüft und dahingehend angepasst, dass eine Vergleichbarkeit mit Ausbildungen anderer Managementsystemen wie dem Qualitäts-, Umweltschutz- oder Arbeitsschutzmanagement gewährleistet ist. Wie kam es aber überhaupt zu diesen Richtlinien des BBGM? Welche Erkenntnisse und Annahmen liegen dieser Ausbildungsempfehlung zugrunde?

2 Grundlagen für die neue Ausbildungsempfehlung

2.1 Marktanalyse relevanter Ausbildungsgänge

Zunächst wurde eine Marktanalyse durchgeführt (vgl. auch Weinreich & Weigl, 2011). Dabei konnte grundsätzlich zwischen zwei großen Gruppen unterschieden werden: Auf der einen Seite die erst- und postgradualen Studiengänge im Sinne von eigenständigen Grund- und Zusatzausbildungen und auf der anderen Seite Fort- und Weiterbildungen für Personen mit einer Berufsausbildung und/oder einem abgeschlossenen Hochschulstudium. Insgesamt wurden 33 Anbieterinstitutionen untersucht und verglichen. Die Anbieterzahl dürfte heute noch deutlich darüber liegen. Die inhaltlichen Schwerpunkte lagen in der Vermittlung von Wissen und Methoden (siehe Abbildung 1).

In den berufsbegleitenden Fort- und Weiterbildungen ergibt sich ein sehr heterogenes Bild. Die Angebote unterscheiden sich deutlich hinsichtlich ihrer Ausrichtung (Zielgruppen, inhaltliche Ziele), ihres Umfangs (Tagesseminar bis ein Jahr berufsbegleitend) und ihrer Methodik (Seminar, Workshop, Fallstudien, Gruppenarbeiten, Frontalunterricht). Dabei fehlt im Gegensatz zu den Studiengängen oftmals der Praxisbezug. Auch die Namen der möglichen Abschlüsse differieren stark. Die Heterogenität ist vermutlich Ausdruck der fehlenden Qualitätsstandards bei der Ausbildung zum/zur betrieblichen Gesundheitsmanager/in.

2.2 Anforderungsprofil betrieblicher Gesundheitsmanager/innen

Neben der Anbietersituation sollten auch die konkreten Anforderungen an betriebliche Gesundheitsmanager/innen herausgearbeitet werden. Erste intuitive Erkenntnisse und Vermutungen zur Tätigkeit sind den tatsächlichen Erfahrungen praktisch tätiger Gesundheitsmanager/innen gegenüberzustellen. Daher wurde eine Analyse nach Art eines teilstrukturierten Interviews mit ca. 100 ehemaligen Teilnehmer/innen der „Weiterbildung zum Gesundheitsmanager und zur Gesundheitsmanagerin im Betrieb“ des Instituts für Gesundheit und Management (IfG GmbH) in Zusammenarbeit mit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) durchgeführt. Die IfG GmbH und die BAuA haben von 1998–2012 knapp 300 Betriebliche Gesundheitsmanager/innen fortgebildet. Zur weiteren Vertiefung wurden die Methoden der Expertenbefragung und das Verfahren der kritischen Verhaltensbeobachtung (vgl. Flanagan, 1954) eingesetzt. Wir konnten fünf relevante Anforderungsbereiche eruieren und mit Bewertungskriterien untersetzen:

  1. formale Qualifikationsanforderungen (Grundqualifikationen)
  2. fachliche Kompetenz (spezifische und fachübergreifende Kenntnisse)
  3. methodische Kompetenz (Fähigkeiten und Fertigkeiten, die zur Planung, Durchführung und Kontrolle von Aufgaben notwendig sind)
  4. sozial-kommunikative Kompetenz (Fähigkeit mit anderen Personen erfolgreich zu kommunizieren und kooperieren) und
  5. persönliche Kompetenz (Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale)

Abschließend wurden die Vorergebnisse validiert und die Anforderungen an Gesundheitsmanager/innen empirisch herausgearbeitet (Strübin, 2012). Mit Hilfe des Task-Analysis-Tools (TAToo; vgl. Koch & Westhoff, 2012), wurden Informationen zu Aufgaben und Anforderungen in einem Interview erhoben, anschließend in einem strukturiertem Workshop verdichtet und im dritten Schritt von den Teilnehmenden in einem Online-Fragebogen bewertet. Neben bedeutsamen Informationen über wichtige fachliche und methodische Grundlagen der Tätigkeit, beinhaltet das Anforderungsprofil zusätzlich auch konkrete Verhaltensweisen, die entscheidend sind, um den beruflichen Alltag erfolgreich zu gestalten (siehe auch DIN 33430: 2002). Das endgültige Anforderungsprofil enthielt vier Anforderungsdimensionen, die aus der Beschreibung des Wissens, der Fähigkeiten und Fertigkeiten abgeleitet wurden und 16 verhaltensnahe Anforderungen, die aus dem beobachtbaren Verhalten der Stelleninhaber/innen in erfolgreich gestalteten Arbeitssituationen resultierten (sog. „critical incidents“).

Es zeigte sich insgesamt, dass die zentralen Anforderungsdimensionen für die Tätigkeit als betriebliche/r Gesundheitsmanager/in soziale und kognitive Fähigkeiten bilden. Im Bereich der sozialen Fähigkeiten sind Anforderungen an eine gut ausgebildete Kommunikationsfähigkeit, Kooperations- und Koordinierungsfähigkeit, Konfliktfähigkeit und Durchsetzungsfähigkeit besonders hervorzuheben. Gesundheitsmanager und Gesundheitsmanagerinnen stehen ständig in Kontakt mit anderen Personen, müssen mit diesen kooperieren, kommunizieren, verhandeln, sie überzeugen und zwischen den verschiedenen Akteuren vermitteln. Zusätzlich koordinieren sie verschiedene Projekte, die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen internen und externen Schnittstellen und müssen flexibel Entscheidungen treffen. Im Bereich der kognitiven Fähigkeiten ist das analytische Denken elementar, d.h. Zusammenhänge erkennen, diese entsprechend zu strukturieren, zu interpretieren und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.
In Folge dessen sollten Gesundheitsverantwortliche in der Unternehmenspraxis auch in der Lage sein, komplexe Sachverhalte zu verdichten und diese
an unterschiedliche Anspruchsgruppen vermitteln zu können. Für diese Vermittlung sind wiederum die sozialen Fähigkeiten ausschlaggebend. Untersetzt werden diese zentralen Anforderungsdimensionen mit einem breit angelegten Fachwissen und einer hohen Dichte an methodischen Kompetenzen, die bei der Initiierung und Umsetzung von Projekten zielgerichtet eingesetzt werden. Die Erkenntnisse aus den beiden Untersuchungen beeinflussten die Konzeption und den inhaltlichen Aufbau des neuen Ausbildungssystems maßgeblich.

3 Ausbildungsempfehlungen

Der Strukturaufbau der Ausbildungsempfehlung des BBGM e.V. wurde am Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) ausgerichtet und berücksichtigt auch den Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (DQR). Der EQR beschreibt auf insgesamt acht Niveaus fachliche und personale Kompetenzen, die für die Erlangung einer Qualifikation erforderlich sind. Mit dem beschriebenen Konzept wird empfohlen, die Stufe 6 des EQR zu erreichen. Die Ausbildung umfasst insgesamt zwei Ausbildungs- und Qualifizierungsstufen mit unterschiedlichen Schwerpunkten (siehe Abbildung 2). Für das Erreichen der entsprechenden Qualifikationsstufe ist das Bestehen der jeweiligen Prüfung Voraussetzung. Der BBGM e.V. empfiehlt konkrete Inhalte, die in mindestens 60 Lehreinheiten (1 Lehreinheit = 45 Minuten) vermittelt werden sollen. Die Art und Weise der Vermittlung ist jeder Ausbildungsinstitution selbst überlassen und kann synchron und asynchron erfolgen, wobei mind. 40 % der Lehreinheiten mit einer direkten Interaktion zwischen Teilnehmenden und Ausbildenden erfolgen muss, z.B. vor Ort Seminar, Telefonie oder Chat. Ziel jeder Ausbildungsinstitution muss es allerdings sein, die Teilnehmenden erfolgreich auf die jeweilige Prüfung vorzubereiten.

3.1 Ausbildungsstufe 1

In der Ausbildungsstufe 1 sollen vor allem Wissensbestandteile vermittelt werden. Es geht darum, das notwendige Basiswissen für ein wirksames und evaluierfähiges BGM zu erlangen. Das BBGM Curriculum definiert folgende Inhaltsbereiche:

  • Grundwissen von Gesundheit und Krankheit
  • Grundwissen zur demografischen
    Situation
  • Gesundheitsverhalten
  • Arbeitswissenschaftliche Grundlagen
  • Grundwissen Sicherheit und Gesundheitsschutz
  • Rechtliche Grundlagen
  • Handlungsfelder der Prävention und Gesundheitsförderung
  • Organisation
  • Markt, Netzwerke & Kooperationsmöglichkeiten
  • BGM
  • notwendige Kompetenzen in einem BGM

Die relevanten Inhalte werden in einer schriftlichen Prüfung 1 (Wissen) abgefragt. Die Prüfung wird vom BBGM e.V. entwickelt und zur Verfügung gestellt. Für die Organisation der Prüfung, die Räumlichkeiten sowie den/die Prüfer/in ist die jeweilige zertifizierte Ausbildungsinstitution zuständig. Die Prüfung dauert insgesamt 60 Minuten und besteht aus offenen und Multiple-Choice-Fragen. Wer die Prüfung erfolgreich abschließt erhält das Zertifikat „Fachkraft Betriebliches Gesundheitsmanagement (BBGM)“ und ist zur Teilnahme an der Ausbildungsstufe 2 zugelassen.

3.2 Ausbildungsstufe 2

Die Ausbildungsstufe 2 dient dem Aufbau notwendiger methodischer Kompetenzen und deren Anwendungserprobung. Der BBGM e.V hat folgende Inhalte in seinem Curriculum definiert, damit die Prüfung dieser Ausbildungsstufe erfolgreich abgeschlossen werden kann:

  • strategische, taktische und operative Planung (Projektmanagement, BGM-Prozess)
  • Anwendung qualitativer und quantitativer Analysemethoden
  • Ableitung konkreter Ziele und Maßnahme
  • Qualitätssicherung | Controlling
  • Umgang mit Barrieren im Projekt (Interessenskonflikte, Informationsdefizite)
  • Durchführung von Evaluationen, Aufbau von Kennzahlensystemen
  • Handlungsanpassung und Nachhaltigkeitssicherung
  • Dokumentation und Informationsweiterleitung
  • Marketing
  • Gesundheitskommunikation, interne Kommunikation

Die Inhalte werden erneut in einer schriftlichen Prüfung abgefragt, die vom BBGM entwickelt und zur Verfügung gestellt wird. Die Prüfung dauert 90 Minuten und besteht aus 10 offenen Fragen. In der Regel wird eine Situation beschrieben, auf die die Prüflinge mit konkreten Handlungsvorschlägen reagieren müssen. Zu dieser Prüfung werden nur Teilnehmende zugelassen, die die Prüfung der Stufe 1 erfolgreich bestanden und am Lehrgang der Ausbildungsstufe 2 teilgenommen haben. Bei Bestehen der Prüfung wird das Zertifikat „Betriebliche/-r Gesundheitsmanager/-in (BBGM)“ verliehen.

4 Zertifizierung von Ausbildungssituationen

Ausbildungsinstitutionen, welche sich an der dargestellten Ausbildungsempfehlung orientieren, haben die Möglichkeit sich vom BBGM e.V. zertifizieren zu lassen. Folgende Grundlagenkriterien werden beispielsweise über eine Dokumentenprüfung abgefragt und begutachtet:

  • Profile der Ausbilder/innen
  • Curriculum mit Lerninhalten, Lernzielen, Methoden und Zeit | Umfang
  • Nachweis zur Lernstoffvermittlung (z.B. Studien- oder Lehrbriefe, Onlinelehrmaterialien)

Als zertifizierte Ausbildungsinstitution durch den BBGM e.V. hat die Ausbildungsinstitution die Möglichkeit, Prüfungen für die Ausbildungsstufen 1 und 2 anzufordern. Folgende Ausbildungsinstitutionen haben sich schon vom BBGM e.V. zertifiziert lassen (Stand 04/2019, siehe Abbildung 3).

Die Zahl der Ausbildungsträger, die den Empfehlungen des BBGM e.V. folgen, sich zertifizieren haben lassen und aktiv an der Weiterentwicklung der Ausbildungskriterien mitwirken steigt rege. 2019 rechnet man mit 700 bis 800 ausgebildeten und zertifizierten betrieblichen Gesundheitsmanagern/innen. Damit leistet diese Ausbildungsempfehlung einen wesentlichen Beitrag für die Qualität in der betrieblichen Gesundheitsarbeit.

5 Die Bildungsempfehlungen in der Praxis – ein Beispiel der IfG GmbH

Die Empfehlungen des BBGM e.V. beschäftigten sich nicht nur inhaltlich mit der gegenwärtigen Arbeitswelt. Auch deren Umsetzung wird in Zukunft vermutlich vermehrt in zeitgemäßen und digitalen Lernwelten stattfinden. Die IfG GmbH folgt ebenfalls diesem Trend und bietet ab 2020 eine kompaktere und moderne Ausbildung für Betriebliche Gesundheitsmanager/-innen an. Bisher konnten die Teilnehmenden die komplette zweistufige Ausbildung in zwei Präsenzwochen absolvieren. Zwischen den beiden Wochen wurden die Teilnehmenden mit Informationsmaterial zum Sebstlernen ausgestattet. Mit dem neuen Ausbildungskonzept wird die Präsenzzeit halbiert. Es finden zwei Präsenzphasen mit jeweils zwei bzw. drei Tagen statt. Die Teilnehmenden werden im Vorfeld mit weiteren inhaltlichen Modulen in Form von Podcasts, Erklärvideos, Büchern, zusammenfassenden Informationen und Webinaren optimal auf die Seminare vor Ort vorbereitet (siehe Abbildung 4).

In der zweiten Präsenzphase absolvieren die Teilnehmenden insgesamt drei Prüfungen. Am ersten Tag findet die Prüfung zur Fachkraft Betriebliches Gesundheitsmanagement (BBGM) und am dritten Tag die Prüfung zum/zur betrieblichen Gesundheitsmanager/-in statt. Da während der kompletten Ausbildung intensiv mit den Inhalten des Managementsystems von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit nach DIN ISO 45001:2018 (vgl. auch Weigl, C. 2019) gearbeitet wird, haben die Teilnehmenden am zweiten Tag die Möglichkeit die Prüfung zum/zur internen Auditor/-in abzulegen.

Obwohl sich die Präsenzzeit für die Ausbildung reduziert, werden die Teilnehmenden durch neue Lernwege und -materialien mit umfassenden Wissen und Kompetenzen ausgestattet. Sie sind

in der Lage BGM zu verstehen, ein BGM aufzubauen sowie ein Managementsystem nach DIN ISO 45001:2018 aufzubauen, aufrechtzuerhalten, weiterzuentwickeln und auditieren zu können. Die IfG GmbH bietet somit eine kompakte, aber inhaltsreiche Ausbildung, nach der der Markt verlangt.

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