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Gesundheitsmanagement in Unternehmen Arbeitspsychologische Perspektiven

Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) ist ein Thema von wachsender Bedeutung – und dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund der demographischen Herausforderungen. Nicht nur Betriebsärztinnen und Betriebsärzte widmen sich dem Thema „Gesundheit und Arbeit“, sondern immer mehr andere Professionen. Dies tut der Thematik grundsätzlich gut, zeigt es doch plakativ deren Vielschichtigkeit. Und die Beweggründe, sich vertieft Fragen mit gesundheitlichem Bezug zu stellen, sind ebenso vielfältig. Sie spannen einen Bogen, der von der „klassischen“ individualmedizinischen Betrachtung über betriebswirtschaftliche („Wie kann ich die Kosten senken, die mit dem Krankenstand verbunden sind?“) bis hin zu soziologisch-systemischen Fragestellungen reicht („Was sind die Merkmale einer gesunden Organisation?“). Und deshalb ist es ganz besonders richtig, dass als eine Zielgruppe des Buches die „Unternehmer“ im Fokus stehen, sind es doch sie, die für alle Fragen in Zusammenhang von Arbeit und Gesundheit im Betrieb Verantwortung tragen.

Das vorliegende Buch spannt diesen Bogen in weiten Teilen auch. Im Geleitwort wird dabei BGM als positives Beispiel „… für den Einbezug aller relevanten Disziplinen“ dargestellt. Dabei scheinen die Autoren BetriebsärztInnen für nicht relevant zu erachten. So zumindest könnte man die Tatsache interpretieren, dass dem bestehenden betrieblichen Gesundheitsschutzsystem und damit den betriebsärztlichen Kompetenzen nur wenig Raum gegeben wird. Es kann aber auch ein Indiz dafür sein, dass die Autoren alt Bewährtes als bekannt voraussetzen und daher nicht erneut in ihre Betrachtungen einbeziehen. Dies möge die Leserschaft selber beurteilen.

Der im Untertitel des Buches zum Ausdruck gebrachte Schwerpunkt „Arbeitspsychologie“ greift (insbesondere in den Kapiteln 2 und 4) eine zunehmend wichtige Facette von Arbeit und Gesundheit im Betrieb auf. Die Autoren verfolgen den Ansatz, über die Sensibilisierung und Qualifizierung der Akteure aktiven Einfluss auf eine gesundheitsförderliche Arbeit zu nehmen (bedauerlicherweise sind auch hier die zahlreichen Aktivitäten der und für die BetriebsärztInnen nicht erwähnt). Dieser Ansatz ist sicher zielführender als die in der Diskussion befindliche staatliche „Anti-Stress-Verordnung“, bei der allein schon ihr Vollzug die Exekutive vor unlösbare Aufgaben stellen wird.

Nahezu die Hälfte des Buches beanspruchen die Kapitel „Grundbegriffe“ (Gesundheit, Stress, Arbeitsbedingungen…) und „Instrumente des BGM“ (Projektmanagement, Fehlzeitenmanagement inkl. Präsentismus, Rückkehrgespräche, Maßnahmen und deren Evaluation). Dies mag dem eiligen Leser sehr lang erscheinen, ermöglicht dem Wissbegierigen andererseits aber eine erschöpfende Auseinandersetzung mit der Thematik. Dasselbe gilt im Übrigen auch für das mehr als 60 Seiten umfassende Literaturverzeichnis (und nur am Rande sei es erwähnt: fast ohne Autoren arbeitsmedizinischer Provenience).

Die wesentlichen Bestandteile moderner betrieblicher Gesundheitspolitik werden erschöpfend dargestellt. Ganze Kapitel beschreiben z. B. prekäre Arbeitsverhältnisse (und sind damit doch nicht auf der Höhe der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion um Lohnuntergrenzen, Minijobs und Leiharbeit) oder heben die work life balance hervor. Auch dem Disability Management und damit dem BEM ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Aber schon im einschlägigen Gesetz (SGB IX) werden die BetriebsärztInnen nur als fakultative, als „Kann-Partner“ einbezogen; hier hätten die Autoren zumindest nicht nur der Rolle der Hausärzte Raum geben können, sondern eben auch jenen.

In nahezu allen Kapiteln wird zu Recht der Thematik „Organsiation/Organisationsentwicklung“ aufgegriffen. Vermisst habe ich allerdings ebenso differenzierte Ausführungen zum Thema „Personalentwicklung“: wie bekomme ich meine MitarbeiterInnen aller Ebenen dazu, sich konkret mit der Thematik BGM in ihrem jeweiligen Arbeits- und Führungsbereich auseinanderzusetzen und es nachhaltig zu implementieren? Der Verweis auf die eingeschränkte Aussagekraft von Mitarbeiterbefragungen oder (die völlig berechtigte) Betonung der Verantwortung des einzelnen Menschen für seine eigene Gesundheit reichen insofern nicht aus.

BGM ist keine isolierte Tätigkeit spezieller Fachleute. BGM ist vielmehr die Kunst, alle relevanten Akteure zielgerichtet zusammenzubringen und ihre Arbeit zu koordinieren, es ist eben „Managementaufgabe“, kein operatives Geschäft. Damit ist eines seiner wesentlichen Merkmale die Netzwerkarbeit. Konsequenterweise wird das Werk daher mit einer umfangreichen Darstellung bestehender BGM/BGF-Netzwerke und (erfolgreicher) BGM-Beispiele abgerundet. Schön wäre es, wenn in einer der nächsten Aktualisierungsauflagen auch solche berücksichtigt würden, die ihre Keimzelle in der „klassischen“ Arbeitsschutzorganisation haben. Offenkundig arbeiten noch immer zu viele BetriebsärztInnen (und FASi) zu sehr im Verborgenen, so dass ihre Projekte einer breiteren (Fach-)Öffentlichkeit unbekannt sind.

In Kapitel 9 sind schließlich zahlreiche Empfehlungen einer Expertenkommission an verschiedene Akteure im betrieblichen und überbetrieblichen BGM wiedergegeben. Darunter z. B. die an die Betriebe, die arbeitsmedizinische (nebenbei: Und was ist mit der betriebsärztlichen?) sowie die sicherheitstechnische Betreuung auszubauen. Auch hier fehlen wiederum Empfehlungen, die unmittelbar an die FASi und die Betriebsärzte adressiert sind. Oder sollte es seitens der Experten keine geben? Gezielte BGM-Aktivitäten der einschlägigen Berufs- und Fachverbände gibt es gleichwohl genug, die hier hätten eingebunden werden können. Und dies gilt nicht zuletzt auch für die von den Autoren empfohlenen Verbesserungen im staatlichen Recht: Einen möglichen Ansatz hat Meyer-Falcke in seinem EMPA-Editorial in 5/2012 aufgezeigt.

Denn beim Versuch, BGM im Betrieb tatsächlich zu implementieren, stellt sich spätestens beim Punkt Finanzierung die Frage: Warum wird das bestehende, auf einer gesetzlichen Norm basierende und damit in der Finanzierung eindeutig (zu Lasten der Arbeitgeber) abgesicherte Arbeitsschutzsystem nicht zu einem tatsächlich ganzheitlichen BGM „aufgebohrt“? Die Handelnden sind auf jeden Fall dieselben.

Andreas Meyer-Falcke

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