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Neue Impulse für den Umgang mit Rheuma, Rückenschmerz und Abhängigkeitserkrankungen

Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung standen im Mittelpunkt des diesjährigen Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquiums der Deutschen Rentenversicherung. Mehr als 1400 Wissenschaftler und Praktiker waren nach Leipzig gekommen, um über Aufgaben für Management, Praxis und Forschung zu diskutieren. „Sicher, wirksam, patientenorientiert, angemessen, zeitgerecht und wirtschaftlich behandeln – und das bestmöglich“, so beschrieb Professor Dr. med. Wilfried Jäckel die Zielperspektive. Sie hat eine existenzielle Dimension: „Die Ergebnisqualität wird in vielen Bereichen über die Zuteilung von Ressourcen und die Finanzierung von Leistungen entscheiden“, zitierte der Direktor der Abteilung Qualitätsmanagement und Sozialmedizin am Universitätsklinikum Freiburg die Gesundheitsministerkonferenz.

Vernetzung als Qualitätsmerkmal
Als wichtiges Qualitätsmerkmal wurde die Vernetzung mit Betrieben hervorgehoben. So erläuterte der Rheumatologe Professor Dr. med. Wilfried Mau aus Halle ein 3-Stufen-Modell: Dabei wirkt sich einer Studie zufolge die engstmögliche Abstimmung zwischen Betriebs- und Rehamedizinern – etwa mit gemeinsamen Fallkonferenzen, Verwendung von Arbeitsplatzprofilen und berufsbezogenen Therapiemodulen – am günstigsten auf das Rehaergebnis der Beschäftigten einschließlich ihrer beruflichen Wiedereingliederung aus.

Mit „Betsi“ chronischen Leiden vorbeugen
Präventive multimodale Leistungen bietet die DRV seit 2009 im Projekt „Betsi“ (Beschäftigungsfähigkeit teilhabeorientiert sichern) für Beschäftigte mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen in mehreren Kliniken an. Ein Beispiel ist das Programm „Gesundheitsförderung und Selbstregulation durch individuelle Zielanalyse“ (GUSI). Es basiert auf dem Züricher Ressourcenmodell, einem Ansatz zur Burnout-Prophylaxe, und gliedert sich in eine dreitägige ambulante Phase, gefolgt von Abendterminen. „Durch das Training gelang es den Teilnehmern, ihre negativen Affekte besser zu regulieren und ihren Handlungsspielraum in Alltag und Beruf zu vergrößern“, berichtete Dr. med. Dieter Olbrich aus Bad Salzuflen über erste Erfahrungen mit fünf Gruppen.

Nachhaltige Bewegungstherapie
Die Bewegungstherapie macht nach Angaben der DRV bis zu 70–75% (Kardiolgie, Orthopädie, Onkologie) der Therapiezeit in der stationären Rehabilitation aus. Welch großes Potenzial darin liegt, belegte der Sportwissenschaftler Professor Dr. Klaus Pfeifer anhand der aktuellen Forschungsliteratur, u.a. für Diabetes Mellitus Typ 2 (u.a. über HbA1c-Wert, Insulinsensitivität, Mortalitätsrisiko). Voraussetzung ist allerdings, dass ein regelmäßiges Training im Alltag gelingt. Die „Bindung an körperliche Aktivität“ sollte daher integraler Bestandteil der Physio- und Sporttherapie werden, war Pfeifers Botschaft. Er wies auf bewährte verhaltenspsychologische Methoden hin, die willentliche Verhaltenssteuerung (Volition) der Patienten im Alltag zu stärken.

Wo das bereits geschieht, stellen Patienten konkrete Handlungspläne („Was-Wann-Wo-Wie“) und Bewältigungspläne für antizipierte Hindernisse (Stichwort „innerer Schweinehund“) auf. Zugrunde liegt das Modell des Health Action Process Approach (HAPA; deutsch: sozial-kognitives Prozessmodell gesundheitlichen Handelns) nach Professor Dr. Ralf Schwarzer. Ein so erweitertes Rückentrainingsprogramm der Deutschen Rentenversicherung wurde gerade erfolgreich evaluiert.

Konditionstraining statt Schonen
Auch ein neues „Kraft-Ausdauer- und Koordinationstraining (KAKo)“ für Patienten mit Rheumatoider Arthritis ist mit einer Verhaltensschulung kombiniert. In einer aktuellen kontrollierten Studie konnte ein Rheumatologenteam für 200 Patienten belegen, dass ein angepasstes Konditionstraining bei chronischer Polyarthritis und Spondyloarthritis vorteilhaft gegenüber der Standardbehandlung mit moderater Gymnastik war: Die meist weiblichen Patienten zwischen 18 und 60 Jahren hatten am Ende des stationären Aufenthalts mehr für ihre körperliche Funktionsfähigkeit und ihr seelisches Wohlbefinden erreicht als eine Kontrollgruppe. Die 1-Jahres-Katamnese folgt. Im Rehazentrum Bad Eilsen wurde das Programm in die Routine übernommen; auch für die ambulante Versorgung sind Veränderungen zu erwarten.

Mit Joystick gegen die Sucht
Die Rückfallquote bei Alkoholismus ist hoch, je nach Berechnungsart zwischen 25 und 50 Prozent. Mit einem Neuropsychologischen Kontrolltraining (NKT) am Computer versucht ein deutsch-niederländisches Forschungsprojekt, die Rückfallgefahr zu senken. Im ersten Durchgang einer Studie erhielten 112 Patienten wiederholt die Aufgabe, Bilder mit alkoholischen Getränken möglichst schnell vom Bildschirm wegzudrücken und alkoholfreie Getränke möglichst rasch zu sich heranzuziehen. Mit der 10-minütigen Übung wird bei der Reaktion auf Trinkanreize, die unterschwellig als Wahrnehmungs-, Aufmerksamkeits- und Gedächtniseffekte wirken, angesetzt. „Vernunftgesteuerte Methoden allein greifen nicht ausreichend“, erläuterte Dr. Johannes Lindenmeyer, Klinikleiter im brandenburgischen Lindow. „Ein Jahr nach der Rehabilitation zeigte sich, dass die Teilnehmer mit weniger Rückfällen zu kämpfen hatten und sie auch eher beenden konnten als eine Kontrollgruppe“. Derzeit wird die Evaluation fortgeführt und an einer optimalen Frequenz für das Training gearbeitet.

Versunken in der virtuellen Welt
Um Formen pathologischer Internetabhängigkeit ging es in einem Themenblock über psychische Störungen. Betroffen sind überwiegend junge Männer, oft Singles mit guter Schulausbildung. „Am häufigsten tritt der schädliche Internetgebrauch als exzessives Spielen von Mehrpersonen-Online-Rollenspielen, gefolgt von Chatting und dysfunktionalem Surfen auf“, charakterisierte die Psychotherapeutin Dr. Petra Schuhler die Symptomatik. Ätiologisch wird von einer tiefgreifenden Störung der Affekt- und Beziehungsregulierung und der Selbststeuerung ausgegangen, die am ehesten in die Diagnoseklasse „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“ (ICD 10 F. 68.8) einzuordnen sei. Mehrere Rehakliniken haben Therapiekonzepte entwickelt; auch im ambulanten Bereich nehmen einschlägige Beratungs- und Nachsorgeangebote sowie private Initiativen zu.

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